Césare Beccaria

Über Verbrechen und Strafen

 

Kapitel 16: Von der Todesstrafe

 

Nicht die Intensität einer Strafe macht einen tiefen Ein­druck auf das Gemüt der Mensch-en, sondern deren Extension; denn unsere Empfindlichkeit wird leichter und nachhaltiger durch kleine, aber wiederholte Eindrücke geweckt als durch eine starke, aber vorübergehende Aufregung. Die Macht der Gewohnheit erstreckt sich über alle empfindenden Wesen, und wie sie den Menschen sprechen und gehen und seine Be-dürfnisse befriedi­gen lehrte, so prägen sich ihm auch die moralischen Ideen nur durch dauernde und wiederholte Eindrücke ein. Nicht das furchtbare, aber vorübergehende Schauspiel einer Hinrichtung, sondern das lange vorschwebende Beispiel eines seiner Freiheit beraubten Menschen, der, zum Lasttier erniedrigt, in seiner Arbeit der be-leidigten Gesellschaft Ersatz leistet, nur dieses schreckt wirksam vom Verbrechen ab; diese wirksame, weil immer und immer wiederholte, Anwendung auf uns selbst: Auch ich werde in eine so elende Lage versetzt, wenn ich ähnliche Missetaten begehe, leistet bei weitem mehr als die Idee des Todes, den die Menschen nur in dunkler Ferne sehen.

Die Todesstrafe macht zwar einen tiefen Eindruck; aber dieser Eindruck unterliegt jenem raschen Vergessen, dem selbst die wichtigeren menschlichen Angelegenheiten verfallen, und besonders rasch unter dem Einfluß der Leidenschaften. All­gemeine Regel: Heftige Leidenschaften überwältigen die Men­schen, aber nicht für lange; sie sind wohl im Stande, Re­volutionen zu bewirken, die aus gewöhnlichen Menschen Perser oder Lakedämonier machen; aber unter einer freien Regierung müssen eher nachhaltige als heftige Ein-wirkungen stattfinden.

Jede Hinrichtung gibt der überwiegenden Menge ein Schauspiel. Bei einigen aber weckt sie fast zur Erbitterung sich steigerndes Mitleid. Aber das eine oder das andere erfüllt das Gemüt der Zuschauer weit mehr als jener heilsame Schrecken, den das Gesetz ein-zuflößen beabsichtigt. Dagegen behält dieses Gefühl bei allen Strafen die Oberhand, die milde und langdauernd sind, ja, ein anderes wird hier gar nicht rege. Die Grenze, welche die Gesetzgebung der Strenge der Strafe setzen sollte, scheint durch den Punkt bezeichnet, wo in den Gemütern der Zuschauer, auf welche die Strafe ja weit mehr berechnet ist als auf den Angeklagten, das Gefühl des Mit­leids alle anderen Gefühle zu überwältigen beginnt. Soll die Strafe gerecht sein, so darf sie keinen höhern Grad von Intensität haben, als nötig ist, die Menschen von Verbrechen abschrecken. Nun gibt es keinen Menschen, der, bei ruhiger Überlegung, um eines noch so reich lohnenden Verbrechens willen den gänzlichen, ewigen Verlust seiner Freiheit sich zuziehen wollte; also enthält die Strafe ewiger Sklaverei, an die Stelle der Todesstrafe gesetzt, alles, was nötig ist, abschreckend auf die Gemüter zu wirken. Ich füge hinzu, sie enthält mehr! Viele sehen dem Tode ruhig und fest ins Angesicht; mancher aus Fanatismus, mancher aus Eitelkeit, die fast immer den Menschen über’s Grab hinaus begleitet, mancher endlich, weil er nur einen letzten, verzweifelten Versuch wagt, seinem Leben, seinem Elend ein Ende zu machen; aber weder Fanatismus noch Eitelkeit halten Stand unter Block und Ketten, unterm Stock, unterm Joch, im eisernen Käfig, und der Verzweifelnde steht da nicht am Ende seiner Leiden, sie fangen vielmehr erst recht an.

Unser Gemüt widersteht eher dem gewaltsam zugefügten, dem heftigsten, aber vorü-bergehenden Schmerz als der Zeit und ununterbrochener, nimmer endender Mühsal, weil es sich zwar für einen Augenblick, sozusagen, in sich selbst konzentrieren kann, um jene zu unterdrücken — aber nicht genug Beharrlich­keit und Schwungkraft hat, um der fortgesetzten Einwirkung der letzteren sich entziehen zu können.

Bei Anwendung der Todesstrafe ist zu jedem einzelnen Bei­spiel, das man der Nation aufstellt, ein Verbrechen nötig; wird aber lebenslängliche Sklaverei verhängt, so gibt ein Verbrechen unzählige, nachhaltige Beispiele; und wenn es nötig ist, den Leuten recht oft die Macht der Gesetze zu zeigen, so müssen die Hinrichtungen rasch aufeinander folgen — es müssen also sehr häufig Verbrechen vorkommen, es muß also die Todesstrafe, gerade um nützlich sein zu können, nicht den Eindruck auf die Menschen machen, den sie machen sollte; sie muß also zugleich nützlich und nutzlos sein! Wendet man mir ein: ewige Sklaverei sei eben so schmerzlich als der Tod und darum auch eben so grausam; so antworte ich, daß, wenn man alle unglücklichen Momente der Sklaverei zusammen-nimmt, sie sogar noch grausa­mer ist; daß aber diese Momente sich über’s ganze Leben ver­teilen, während jene alles in ihr enthaltene Leiden in einem Augenblick konzentriert, und dies eben ist der Vorteil der Skla­verei, daß sie weit mehr den Beschauer ergrift als den Dulder, weil ersterer die ganze Summe unglücklicher Momente sich vorstellt, bei letzterem aber der Gedanke an die Zukunft vor dem Lei­den der Gegenwart nicht aufkommen kann. Die Einbildung ver­größert jedes Leiden, jeder Dulder findet einen Ersatz, einen Trost, von dem die Beschauer nichts wissen, die ihre Empfind­lichkeit im verhärteten Gemüt des Unglücklichen voraussetzen.

Folgendes ist ungefähr der Gedankengang eines Räubers oder Mörders, der durch kein anderes Gegengewicht von der Verletzung der Gesetze abgehalten werden kann als durch Rad und Galgen. (Ich weiß, daß diese Auseinandersetzung inner­licher Regungen eine Kunst ist, die man nur durch Erziehung erlernt; aber daß ein Räuber seine Grundsätze nicht aus­einanderzusetzen vermag, beweist noch nicht, daß sie eine geringere Macht über ihn haben.) »Was sind das für Gesetze, die ich achten soll und die eine solche Kluft zwischen mir und dem Reichen lassen? Er verweigert mir das Geld, das ich von ihm verlange, und begnügt sich, mich zur Arbeit zu verweisen, zur Arbeit, die er gar nicht kennt. Wer hat diese Gesetze gemacht? Reiche und mächtige Leute, die sich nie herabließen, die schmutzigen Hütten des Armen aufzusuchen, von denen keiner je ein verschimmeltes Brot unter dem Geschrei seiner hun­gernden Kinder, unter den Tränen seines Weibes ausgeteilt hat. Brechen wir diese Gesetze, die der Mehrheit schaden, und nur wenigen trägen Tyrannen nützen; greifen wir die Unge­rechtigkeit in ihrer Quelle an. Ich kehre in den natürlichen Zustand der Unabhängigkeit zurück und werde eine Zeitlang frei und glücklich leben, die Früchte meines Mutes und meiner Gewandt­heit genießend; vielleicht kommt einst eine Zeit des Schmerzes und der Reue, aber diese Zeit wird kurz sein, und für die Frei­heit, für die Genüsse vieler Jahre werde ich nur mit einem Tag des Leidens bezahlen müssen. König über ein kleines Häuflein Menschen werde ich nachhelfen, wo sieh das Glück vergriffen, und diese Tyrannen erblassen und zittern sehen vor demjenigen, den sie in ihrem frechen Hochmut geringer achten als ihre Pferde und Hunde.« Dann schwebt wohl dem Geist des Verbrechers, der alles mißbraucht, die Religion vor und bietet ihm für eine leichte Reue fast die Gewißheit ewiger Seligkeit und vermindert so das Schauderhaffe des furchtbaren, letzten Aktes.

Wer aber erwarten muß, daß er eine lange Reihe von Jahren, vielleicht seine ganze Lebenszeit in der Sklaverei und im Elend werde zubringen müssen — angesichts seiner Mitbürger, unter denen er als freier Genosse lebte, als Sklave jener Gesetze, die ihn früher beschützten —, der wird ein solches Los wohl in ersprießliche Vergleichung ziehen mit dem ungewissen Ausgang seines Verbrechens, mit der Kürze der Zeit, in der er dessen Früchte genießen könnte. Das beständig ihm entgegentretende Beispiel derjenigen, welche er die Folgen ihrer Unbedachtsamkeit tragen sieht, macht einen weit stärkeren Eindruck auf ihn, als der Anblick einer Hinrichtung, die ihn eher verhärtet als bessert.

Die Todesstrafe ist schädlich wegen des Beispiels der Grau­samkeit, das sie den Menschen gibt. Wenn die Leidenschaften oder die Notwendigkeit des Krieges die Menschen lehrten Blut zu vergießen; so sollten wenigstens die Gesetze, die ihre Hand­lungen regeln, nicht neue Beispiele der Wildheit geben, die um so fürchterlicher sind, weil hier nach ein-studierten Förmlichkeiten getötet wird. Es scheint mir widersinnig, daß die Gesetze, die der Ausdruck des Gesamtwillens sind und die Tötung ver­dammen und bestrafen, selbst eine begehen, und eine öffentliche Ermordung anordnen, um die Bürger vom Mord zurückzuscheu­chen. Welches sind die wahren, die nützlichen Gesetze? Diejenigen Verträge und Bedingungen, die alle vorschlagen und beobachten würden, solange die nur zu leicht Gehör sich ver­schaffende Stimme des Privatinteresses schweigt oder dieses mit dem Interesse aller verschmolzen ist. Was hält nun jeder einzelne von der Todesstrafe? Wir erfahren dies aus der Erbitterung und Verachtung, mit der jeder den Scharfrichter betrachtet, der ja nur der umschuldige Vollstrecker des Willens aller ist, ein guter Bürger, der mit für die allgemeine Wohlfahrt wirkt, ebenso im Innern das unentbehrliche Werkzeug zur Aufrechthaltung der Sicherheit, als es die tapferen Soldaten auswärts sind! Woher kommt nun dieser Widerspruch? Und warum läßt sich zum Hohn der gesunden Vernunft dieses Gefühl nicht verdrängen? Weil die Menschen im geheimsten Winkel ihres Herzens, dort, wo die ursprüngliche Menschennatur noch am reinsten sich er­hielt, den Glauben bewahrten, daß über ein Menschenleben niemand zu verfügen habe — als die Notwendigkeit, deren eisernem Szepter das Weltall sich beugt.

Was sollen die Menschen denken, wenn sie die gelehrten Richter, die ernsten Priester der Gerechtigkeit sehen, wie sie mit gleichgültiger Ruhe im langsamen Aufzug einen Ver-brecher zum Tode schleppen lassen, wenn sie sehen, wie der Richter, an dem Platz, wo eben der Unglückliche, von Todesangst ergriffen, dem verhängnisvollen Augenblick entgegenstarrt, in gleichgültiger Kälte, vielleicht sogar selbstgefällig seiner Macht gedenkend, vor­übergeht, um die Bequemlichkeiten und die Freuden des Lebens weiter zu genießen? »Ach«, werden sie sagen, »diese Gesetze sind für die Gewalt nur ein Vorwand, und die wohlausgedachten, grausamen Förmlichkeiten der Justiz sind nur eine Redensart die man aufgebracht, um unter ihrem Deckmantel uns sicherer schlachten, dem unersättlichen Götzenbilde des Despotismus zum Opfer bringen zu können! Der Mord wird für eine abscheuliche Missetat erklärt, und doch sehen wir ihn in aller Kälte an einem Wehrlosen begehen! Halten wir uns an dieses Beispiel! In den Beschreibungen, die man uns von einem gewaltsamen Tode machte, erschien er uns furchtbar, aber wir sehen, daß die Sache in einem Augenblick abgetan ist. Um wie viel weniger hart muss es für derjenigen sein, der ihn nicht erwartete und so dem Schmerzlichsten entgeht!«

Dies sind die Trugschlüsse, welche, allerdings ohne sich ihrer klar bewußt zu werden, Menschen mit verbrecherischen Neigungen ziehen, Menschen, auf die auch, wir wir gesehen, der Mißbrauch der Religion mehr Einfluß hat als die Religion selbst.

Wollte man mir das Beispiel fast aller Jahrhunderte und fast aller Nationen entgegen-stellen, die auf gewisse Verbrechen stets die Todesstrafe setzten; so antworte ich, dass dieses Beispiel zu­nichte wird, angesichts der unverjährbaren Wahrheit, daß die ganze Geschichte der Menschheit uns als ein unermeßliches Meer von Irrtümern erscheint, in dem nur selten in ungeheuren Zwi­schenräumen einzelne Wahrheiten sich über dem Wasser halten.

Bei fast allen Nationen kamen auch Menschenopfer vor, und wer wird es wagen, diese zu entschuldigen? Daß nur einige wenige Gesellschaften und nur für kurze Zeit die Todes-strafe abschaff­ten, spricht eher für als gegen mich, denn dies ist eben das ge­meine Los aller großen Wahrheiten, daß sie in der langen und düstern Nacht, die die Menschen umhüllt, nur aufdämmern wie eine Lampe. Noch ist die glückliche Zeit nicht gekommen, in welcher die Wahrheit so wie bisher der Irrtum das Bewußt­sein der Mehrzahl durchdringen wird, und von diesem allgemeinen Gesetz waren bis jetzt nur jene Wahrheiten ausgenommen, welche die ewige Weisheit durch die Offenbarung von den übrigen ablösen wollte.

Die Stimme eines Philosophen ist zu schwach gegen das Durcheinanderschreien der vielen, welche von blinder Gewohn­heit geleitet werden; aber tief im Herzen der wenigen Weisen, die über die Erdoberfläche zerstreut sind, wird mein Wort einen Wiederhall wecken, und wenn die Wahrheit trotz der unermeßlichen Hindernisse, die sie von einem Monarchen fernhalten, wider dessen Willen bis zu seinem Thron gelangen könnte, möge er dann wissen, daß sie zu ihm getragen wird von den geheimen Wünschen aller Menschen, möge er wissen, dass vor ihm der blutige Ruhm der Eroberer erbleichen wird, und dass die Nach­weh ihm den ersten Platz anweisen wird unter den Helden des Friedens, einen Platz über Titus, über den Antoninen und Trajanen.

Wie glücklich wäre die Menschheit, wenn sie jetzt zum ersten Mal Gesetze erhielte, jetzt, wo wir auf den Thronen Europas wohlätige Monarchen sehen, die die Tugenden des Friedens, die Wissenschaften, die Künste ermuntern, welche Väter ihres Volks sind, gekrönte Bürger deren Machterhöhung nur das Glück ihrer Untertanen erhöht, weil sie jenen Zwischenträger-Despotismus aufhebt, der, weil unsicher, der grausamste ist, der die aufrichtigen Wünsche des Volkes unterdrückt – Wünsche, die immer Segen bringen, wenn sie den Thron zu erreichen vermögen. Wenn diese Fürsten die alten Gesetze noch bestehen lassen, so kommt dies von der unermeßlichen Schwierigkeit, die damit verbunden ist, von den Irrtümern, den verehrten, weil Jahrhunderte alten, Rost abzustreifen — ein neuer Grund für die aufgeklärten Bürger, um so heißer die fort-währende Zunahme ihrer Macht herbeizuwünschen.

 

(1764)

 
     

 

 

Immanuel Kant

 

Richterliche Strafe […] kann niemals bloß als Mittel, ein anderes Gute zu befördern, für den Verbrecher selbst oder für die bürgerliche Gesellschaft, sondern muß jederzeit nur darum wider ihn verhängt werden, weil er verbrochen hat; denn der Mensch kann nie bloß als Mittel zu den Absichten eines anderen gehandhabt und unter die Gegenstände des Sachenrechts gemengt werden, wowider ihn seine angeborne Persönlichkeit schützt, ob er gleich die bürgerliche einzubüßen gar wohl verurteilt werden kann. Er muß vorher strafbar befunden sein, ehe noch daran gedacht wird, aus dieser Strafe einigen Nutzen für ihn selbst oder seine Mitbürger zu ziehen. […]

Welche Art aber und welcher Grad der Bestrafung ist es, welche die öffentliche Gerechtigkeit sich zum Prinzip und Richtmaße macht? Kein anderes, als das Prinzip der Gleichheit, (im Stande des Züngleins an der Waage der Gerechtigkeit) sich nicht mehr auf die eine, als auf die andere Seite hinzuneigen. Also: was für unverschuldetes Übel du einem anderen im Volk zufügst, das tust du dir selbst an. Beschimpfst du ihn, so beschimpfst du dich selbst; bestiehlst du ihn, so bestiehlst du dich selbst; schlägst du ihn, so schlägst du dich selbst; tötest du ihn, so tötest du dich selbst. Nur das Wiedervergeltungsrecht (ius ta­lionis) aber, wohl zu verstehen, vor den Schranken des Gerichts (nicht in deinem Privaturteil), kann die Qualität und Quantität der Strafe bestimmt angeben […] – Was heißt das aber: »Bestiehlst du ihn, so bestiehlst du dich selbst«? Wer da stiehlt, macht aller ande­rer Eigentum unsicher; er beraubt sich also (nach dem Recht der Wie­dervergeltung) der Sicherheit alles möglichen Eigentums; er hat nichts und kann auch nichts erwerben, will aber doch leben; welches nun nicht anders möglich ist, als daß ihn andere ernähren. Weil dieses aber der Staat nicht umsonst tun wird, so muß er diesem seine Kräfte zu ihm beliebigen Arbeiten (Karren- oder Zuchthausarbeit) überlassen und kommt auf gewisse Zeit, oder nach Befinden auch auf immer in den Sklavenstand. – Hat er aber gemordet, so muß er sterben. Es gibt hier kein Surrogat zur Befriedigung der Gerechtigkeit. Es ist keine Gleichartigkeit zwischen einem noch so kummervollen Leben und dem Tode, also auch keine Gleichheit des Verbrechens und der Wie­dervergeltung, als durch den am Täter gerichtlich vollzogenen, doch von aller Mißhandlung, welche die Menschheit in der leidenden Per­son zum Scheusal machen könnte, befreieten Tod. – Selbst wenn sich die bürgerliche Gesellschaft mit aller Glieder Einstimmung auflösete (z. B. das eine Insel bewohnende Volk beschlösse auseinander zu ge­hen und sich in alle Welt zu zerstreuen), müßte der letzte im Gefäng­nis befindliche Mörder vorher hingerichtet werden, damit jedermann das widerfahre, was seine Taten wert sind, und die Blutschuld nicht auf dem Volke hafte, das auf diese Bestrafung nicht gedrungen hat: weil es als Teilnehmer an dieser öffentlichen Verletzung der Gerech­tigkeit betrachtet werden kann.

 

(1797)

 
     

 

     
     

 

 

Arthur Schopenhauer

 

 

Alles Recht zu strafen ist allein durch das positive Gesetz begründet, wel­ches vor dein Vergehn diesem eine Strafe bestimmt hat, deren Andro­hung, als Gegenmotiv, alle etwanigen Motive zu jenem Vergehn über­wiegen sollte. Dieses positive Gesetz ist anzusehn als von allen Bür­gern des Staats sanktioniert und anerkannt. Es gründet sich also auf einen gemeinsamen Vertrag, zu dessen Erfüllung unter allen Umstän­den, also zur Vollziehung der Strafe auf der einen und zur Duldung derselben von der andern Seite, die Glieder des Staats verpflichtet sind: daher ist die Duldung mit Recht erzwingbar. Folglich ist der un­mittelbare Zweck der Strafe im einzelnen Fall Erfülllung des Gesetzes als eines Vertrages. Der einzige Zweck des Gesetzes aber ist Abschreckung von Beeinträchtigung fremder Rechte: denn damit jeder vor Unrecht­leiden geschützt sei, hat man sich zum Staat vereinigt, dem Unrecht­tun entsagt und die Lasten der Erhaltung des Staats auf sich genom­men. Das Gesetz also und die Vollziehung desselben, die Strafe, sind wesentlich auf die Zukunft gerichtet, nicht auf die Vergangenheit. Dies unterscheidet Strafe von Rache, welche letztere lediglich durch das Ge­schehene, also das Vergangene als solches, motiviert ist. Alle Vergel­tung des Unrechts durch Zufügung eines Schmerzes, ohne Zweck für die Zukunft, ist Rache und kann keinen andern Zweck haben, als durch den Anblick des fremden Leidens, welches man selbst verur­sacht hat, sich über das selbst erlittene zu trösten. Solches ist Bosheit und Grausamkeit und ethisch nicht zu rechtfertigen. Unrecht, das mir jemand zugefügt, befugt mich keineswegs, ihm Unrecht zuzufügen. Vergeltung des Bösen mit Bösem, ohne weitere Absicht, ist weder mo­ralisch, noch sonst, durch irgend einen vernünftigen Grund zu recht­fertigen, und das jus talionis als selbstständiges, letztes Prinzip des Strafrechts aufgestellt, ist sinnleer. […] Wohl aber hat der Mensch das Recht, für die Sicherheit der Gesellschaft zu sorgen: dies aber kann allein geschehn durch Ver­pönung aller der Handlungen, die das Wort »kriminell« bezeichnet, um ihnen durch Gegenmotive, welches die angedrohten Strafen sind, vorzubeugen; welche Drohung nur durch Vollziehung, im dennoch vorkommenden Fall, wirksam sein kann. […] Zweck für die Zukunft unterscheidet Strafe von Rache, und diesen hat die Strafe nur dann, wann sie zur Erfüllung eines Gesetzes vollzogen wird, welche, nur eben dadurch als unausbleiblich auch für jeden künftigen Fall sich ankündigend, dem Gesetze die Kraft abzuschrecken erhält, worin eben sein Zweck besteht. – Hier würde nun ein Kantianer unfehlbar einwenden, daß ja nach dieser Ansicht der gestrafte Verbrecher »bloß als Mittel« gebraucht würde. […] Der dem Gesetze zufolge der Todesstrafe anheimgefallene Mörder muß jetzt allerdings und mit vollem Recht als bloßes Mittel gebraucht werden. Denn die öffentliche Sicherheit, der Hauptzweck des Staats, ist durch ihn gestört, ja sie ist aufgehoben, wenn das Gesetz unerfüllt bleibt: er, sein Leben, seine Person, muß jetzt das Mittel zur Erfüllung des Gesetzes und dadurch zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicher­heit sein, und wird zu solchem gemacht mit allem Recht, zur Voll­ziehung des Staatsvertrages, der auch von ihm, sofern er Staatsbürger war, eingegangen war und demzufolge er, um Sicherheit für sein Leben, seine Freiheit und sein Eigentum zu genießen, auch der Si­cherheit aller sein Leben, seine Freiheit und sein Eigentum zum Pfan­de gesetzt hatte, welches Pfand jetzt verfallen ist.

 

(1819)

 
     

 

     
     

 

     
     

 

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