René Descartes

Abhandlung über die Methode, richtig zu denken

und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen

 

Fünfter Abschnitt

 

[… ] Ich hatte hier gezeigt, daß, wenn es solche Maschinen gäbe mit den Organen und der äußeren Gestalt eines Affen oder anderer unvernünftiger Tiere, wir kein Mittel haben würden, sie ihrer Natur nach von den Tieren zu unterscheiden. Hätten dagegen solche Maschinen Ähnlichkeit mit unserem Körper und ahmten sie seine Bewegungen soweit als möglich nach, so würden wir zwei untrügliche Mittel haben, um sie von wirklichen Menschen zu unterscheiden. Das erste wäre, daß diese Maschinen nie sich der Worte oder Zeichen bedienen können, durch deren Verbindung wir unsere Gedanken einem Anderen ausdrücken. Man kann zwar sich eine Maschine in der Art denken, daß sie Worte äußerte, und selbst Worte auf Anlaß von körperlichen Vorgängen, welche eine Veränderung in ihren Organen hervorbringen; z.B. daß auf eine Berührung an einer Stelle sie fragte, was man wolle, oder schrie, daß man ihr wehtue, und ähnliches; aber niemals wird sie diese Worte so stellen können, daß sie auf das in ihrer Gegenwart Gesagte verständig antwortet, wie es doch selbst die stumpfsinnigsten Menschen vermögen.

Zweitens würden diese Maschinen, wenn sie auch einzelnes ebenso gut oder besser wie wir verrichteten, doch in anderen Dingen zurückstehen, woraus man entnehmen könnte, daß sie nicht mit Bewußtsein, sondern bloß mechanisch nach der Einrichtung ihrer Organe handelten. Während die Vernunft ein allgemeines Instrument ist, das auf alle Arten von Erregungen sich äußern kann, bedürfen diese Organe für jede besondere Handlung auch eine besondere Vorrichtung, und deshalb ist es moralisch unmöglich, daß es deren so viele in einer Maschine gibt, um in allen Vorkommnissen des Lebens so zu handeln, wie wir es durch die Vernunft können. Durch diese Mittel kann man auch den Unterschied zwischen Mensch und Tier erkennen. Denn es ist sehr merkwürdig, daß selbst der stumpfsinnigste und dümmste Mensch, ja sogar die Verrückten einzelne Worte verbinden und daraus eine Rede herstellen können, wodurch sie ihre Gedanken mitteilen, während selbst das vollkommenste und besterzeugte Tier dies nicht vermag. Dies liegt nicht an einem Mangel der Organe; denn die Elstern und die Papageien können Worte wie wir aussprechen und können doch nicht reden wie wir, d.h. ihre Gedanken äußern, während die Taubstummen, die der Organe des Sprechens ebenso oder mehr als die Tiere beraubt sind, aus sich selbst Zeichen erfinden, durch die sie sich denen verständlich machen, welche Muße haben, ihre Sprache zu lernen.

Dies zeigt nicht bloß einen niederen Grad von Vernunft bei den Tieren an, sondern daß sie ihnen ganz abgeht; denn zum Sprechen gehört nur wenig Vernunft. Da die einzelnen Tiere einer Gattung sich ebenso wie die einzelnen Menschen unterscheiden und die einen leichter als die anderen zu dressieren sind, so würde der vollkommenste Affe oder Papagei in seiner Art gewiß es dem dümmsten Kinde oder einem blödsinnigen Kinde gleichtun, wenn ihre Seele nicht von der unsrigen völlig verschieden wäre. Man darf hierbei die Worte nicht mit den natürlichen Bewegungen vermengen, wodurch sich die Gefühle äußern und welche die Menschen ebenso wie die Tiere nachmachen können, auch nicht mit einigen Alten glauben, daß die Tiere sprechen und wir nur ihre Sprache nicht verstehen. Denn wäre dies der Fall, so würden bei der Übereinstimmung vieler ihrer Organe mit den unsrigen sie sich uns ebenso wie Ihresgleichen verständlich machen können. Merkwürdig ist es allerdings, dass viele Tiere zwar in einzelnen Verrichtungen mehr Geschicklichkeit wie wir zeigen, dagegen in vielen anderen zurückstehen; aber daraus folgt nicht, daß sie Verstand haben, da sie sonst mehr haben und alles besser machen würden als wir, vielmehr erhellt daraus, daß sie keinen haben und daß nur die Natur in ihnen, je nach der Stellung ihrer Organe, handelt. So kann ja auch eine Uhr mit bloßen Rädern und Federn viel genauer als wir mit all unserer Klugheit die Stunden zählen und die Zeit messen. [… ]

 

(1637)

 

 

 

 

 

 

Ludwig Büchner

Kraft und Stoff

 

Sprache bei Mensch und Tier

 

Man hört oft sagen, die Sprache sei ein so charakteristisches Unterscheidungszeichen zwischen Mensch und Tier, welches keinen Zweifel über die tiefe Kluft zwischen beiden lasse. Die so reden, wissen freilich nicht, daß auch die Tiere sprechen können. Beweisende Beispiele dafür, daß die Tiere das Vermögen der gegenseitigen Mitteilung in einem hohen Grade, und zwar über ganz konkrete Dinge besitzen, existieren in Menge. Dujardin stellte weit entfernt von einem Bienenstand eine Schale mit Zucker in eine Mauernische. Eine einzelne Biene, welche diesen Schatz entdeckte, prägte ihrem Gedächtnisse durch Umherfliegen um die Ränder der Nische und Anstoßen mit dem Kopfe an dieselben die Beschaffenheit der Lokalität genau ein, flog dann davon und kehrte nach einiger Zeit mit einer Schar ihrer Freundinnen zurück, die sich über den Zucker hermachten. Hatten diese Tiere nicht miteinander geredet? Wie viele Beispiele beweisen, daß namentlich die Vögel sich gegenseitig sehr detaillierte Mitteilungen machen, Verabredungen treffen usw. Die Art, wie Gemsen ihre Wachen ausstellen und sich gegenseitig von der herannahenden Gefahr unterrichten, zeigt nicht minder dieses Mitteilungsvermögen an. (Und können sie diese Vorsicht auch durch den Instinkt gelehrt worden sein, da doch die Gemsjäger nicht so alt sind wie die Gemsen?) Viele in Gemeinschaft lebende Tiere wählen sich einen Führer und stellen sich freiwillig unter seine Befehle. Kann dies auch ohne gegenseitige Besprechung geschehen? Aber weil der Mensch die Sprache der Tiere nicht versteht, meint er, es sei besser, sie ganz zu leugnen. Der Engländer Parkyns, welcher in Abessinien reiste, unterhielt sich längere Zeit mit der Beobachtung des Treibens der Affen und erkannte dabei, »daß sie eine Sprache hätten, für sie so verständlich als die unsrige für uns« (Revue britannique). »Die Affen«, sagt Parkyns, »haben Führer, denen sie besser gehorchen als gewöhnlich die Menschen, und ein regelmäßiges Raubsystem. Wenn einer ihrer Stämme aus den Felsenspalten, die sie bewohnen, niedersteigt, um z.B. ein Getreidefeld zu plündern, führt er alle seine Glieder, Männchen und Weibchen, alte und junge, mit sich. Vorposten, unter den ältesten des Stammes, die man leicht an ihrem reichlichen Haarwuchs erkennt, gewählt, durchforschen sorgsam jede Schlucht, ehe sie hinabsteigen, und erklettern alle Felsen, von denen aus man die Umgegend überschauen kann. Andere Vedetten stehen auf den Seiten und im Rückhalt, ihre Wachsamkeit ist merkwürdig. Von Zeit zu Zeit rufen sie sich an und antworten einander, um anzuzeigen, ob alles gut geht oder ob Gefahr vorhanden ist. Ihr Geschrei ist so scharf betont, so mannigfach, so deutlich, daß man es endlich versteht oder wenigstens zu verstehen glaubt usw. Beim geringsten Alarmruf macht die ganze Truppe halt und horcht, bis ein zweiter Schrei von verschiedener Intonation sie wieder in Marsch setzt usw.« – Wohl, sagt man endlich, die Tiere haben auch eine Sprache, aber sie ist der Ausbildung nicht fähig. – Wieder eine Behauptung ohne Grund. Was können wir von der Ausbildung der Tiersprache wissen, da uns doch das Verständnis derselben abgeht! Und welcher Ausbildung ist denn die Sprache eines Negers fähig oder überhaupt jener wilden Völkerschaften, von denen uns die Reisenden erzählen, daß sie mehr durch Zeichen als durch Töne reden! Dagegen wissen wir von den geistigen Fähigkeiten der Tiere im allgemeinen, daß sie ebensowohl ausgebildet, erzogen werden können als die der Menschen. Welche merkwürdigen Dinge sehen wir oft von abgerichteten Tieren geleistet! Welch anderes Wesen ist ein dressierter Jagdhund als ein gewöhnlicher Hund derselben Klasse! Diese Dressur ist nicht, wie man sich dieses wohl vorstellt, eine bloß mechanische, sondern beruht auf wirklicher Erziehung und dem Begreiflichmachen gewisser zu erreichender Zwecke an das Tier. Oder wäre es möglich, daß ein Hund ein Wild »stellen« könne, ohne daß er die Absicht dieser Prozedur vorher eingesehen hätte? Daß die Erziehung des Tieres auf eine langsame und mühevolle Weise vor sich geht, liegt nicht in dem Begriffsmangel desselben, sondern hauptsächlich in der Unmöglichkeit der direkten Mitteilung; es müssen dieselben Mittel angewendet werden – und sie werden es in der Tat – welche der mühevolle Unterricht des Taubstummen erfordert.

 

(1885)

 

 

 

     

 

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