Sterbehilfe, Recht und Moral

Ein philosophischer Dialog

 

 

Ein Mensch, der unter einer schweren, unheilbaren Krankheit leidet, hat nach langer Überlegung den Entschluß zur Selbsttötung gefaßt. Da er dazu jedoch aufgrund seines Zustands nicht mehr in der Lage ist, bittet er eine nahestehende Person, ihm eine tödliche Medikamenten-Dosis zu verabreichen. Sollte der Verwandte oder Freund des Sterbewilligen diesem Wunsch Ihrer Auffassung nach entsprechen?

 

Diese Frage läßt sich nicht pauschal beantworten. Mit Blick auf die gegenwärtige Ge-setzeslage wäre es wohl sinnvoll, dem potentiellen Sterbehelfer von der Tat abzuraten. Denn die aktive Tötung eines Menschen ist in unserem Rechtssystem verboten – und zwar selbst dann, wenn das Opfer ausdrücklich seine Zustimmung dazu gegeben hat. Von einem moralischen Standpunkt aus spricht jedoch grundsätzlich nichts dagegen, die Bitte des Kranken zu erfüllen. Jeder Mensch hat das Recht, selbst über den Zeitpunkt seines Todes zu bestimmen, und wenn er dabei Hilfe benötigt, darf man sie ihm auch gewähren. Natürlich muß die angesprochene Person im vorliegenden Fall zunächst klären, ob der Todeswunsch des Kranken tatsächlich das Ergebnis einer autonomen, d.hwohl-informierten und freien Entscheidung darstellt. Sie sollte daher wiederholt mit dem Patienten über seine Bitte sprechen und dabei prüfen, ob dieser sie immer wieder klar und konsequent in der gleichen Weise äußert. Außerdem gilt es natürlich auszu-schließen, daß der Kranke in seiner Willensbildung von anderen Personen in unzulässiger Weise beeinflußt worden ist. Wenn alle diese Punkte jedoch beachtet worden sind, spricht nach meiner Auffassung nichts dagegen, aktive Sterbehilfe zu leisten.

 

Sie teilen also nicht die in unserer Gesellschaft weitverbreitete Überzeugung, daß das menschliche Leben prinzipiell unantastbar sei und daher unter allen Umständen geschützt werden müsse?

 

Ich bezweifle stark, daß ein solcher Konsens tatsächlich existiert. Natürlich sind sich die meisten von uns grundsätzlich darüber einig, daß man Menschen nicht das Leben nehmen darf. Wir alle wissen aber auch, daß es Ausnahmen von dieser Regel gibt. So hält es wahrscheinlich niemand für moralisch verwerflich, wenn man in einer Notwehrlage einen Angreifer tötet, um das eigene Leben oder die eigene Gesundheit zu schützen. Außerdem wird auch ein Suizid unter bestimmten Umständen von der Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft gebilligt, z.B. dann, wenn jemand sein Leben beendet, der unter extremen Qualen leidet oder unter äußerst erniedrigenden Umständen leben muß. Sie sehen: Die Rede von der »Heiligkeit« des menschlichen Lebens ist wenig überzeugend. Wer aktive Euthanasie ablehnt, der muß sich schon die Mühe machen, argumentativ differenziert darzulegen, worin genau ihre moralische Verwerflichkeit besteht. Sich dabei pauschal auf ein vermeintlich absolut geltendes Tötungsverbot zu berufen ist, wie wir gesehen haben, keine besonders erfolgversprechende Strategie.

 

Theologen stellen die Zulässigkeit aktiver Sterbehilfe häufig mit dem Argument in Frage, das Leben sei ein Geschenk Gottes, über das wir nicht eigenmächtig verfügen dürften.

 

Abgesehen davon, daß für große Teile unserer säkularisierten Gesellschaft religiöse Argumente nur noch wenig Überzeugungskraft haben, halte ich diese Position selbst für unplausibel und inkonsequent. Denn sie impliziert, daß es Menschen nicht erlaubt ist, Entscheidungen zu treffen, die ihr eigenes Leben oder das Leben anderer verkürzen können. Genau das aber sehen nicht nur die meisten von uns völlig anders, sondern auch die Theologen selbst. So gestattet es etwa die päpstliche Enzyklika Evangelium vitae aus dem Jahr 1996 explizit, in aussichtslosen Fällen den Sterbeprozeß Schwerstkranker durch den Abbruch der Behandlung zu beschleunigen, und verteidigt dies mit dem Hinweis, ein solcher Verzicht auf »therapeutischen Übereifer« sei keineswegs mit dem Selbstmord oder der Euthanasie vergleichbar. Darüber hinaus ist die Rede vom mensch-lichen Leben als Geschenk nicht besonders überzeugend, denn zum Wesen eines Geschenks gehört es nun einmal auch, daß man damit tun kann, was man will: Wenn es einem nicht mehr gefällt, kann man es wegwerfen, zerstören oder sogar weiter-verschenken – auch wenn dies vielleicht nicht besonders höflich gegenüber dem Schenkenden ist. Es gibt keine moralische Pflicht, ein Geschenk anzunehmen bzw. zu behalten, vor allem dann nicht, wenn dies in fundamentalem Widerspruch zu den Interessen des Beschenkten stehen würde.

 

Wenn ein Mensch das von Gott gegebene Leben als eine Last empfindet, darf er es also einfach beenden?

 

Unter der Voraussetzung, daß es sich dabei tatsächlich um ein Geschenk handelt, kann man diese Frage nur mit ja beantworten. Viele Kirchenvertreter scheinen die mensch-liche Existenz allerdings eher als eine von Gott gestellte Pflichtaufgabe zu begreifen, die es bis zum bitteren Ende durchzustehen gilt. Daher ist es wenig verwunderlich, daß sie aktive Sterbehilfe als frevlerisches Tun verurteilen, mit dem sich der Mensch eine Autorität anmaßt, die eigentlich nur Gott zukommt. An diesem Punkt stellt sich natürlich die Frage, ob die Annahme einer solchen ›Lebenspflicht‹ tatsächlich überzeugend ist, und das nicht nur, weil sie in ihrer Rigorosität in diametralem Widerspruch zur christlichen Vorstellung eines barmherzigen, mitfühlenden Gottes steht. Sie hat auch zur Folge, daß plötzlich viele menschliche Handlungen und Tätigkeiten als moralisch fragwürdig beurteilt werden müssen, die die meisten von uns eigentlich für lobenswert oder zumindest für moralisch indifferent halten. Wenn nämlich alle Menschen der Bewahrung des eigenen Lebens stets die höchste Priorität einräumen sollten, dann läßt sich nicht mehr plausibel machen, warum wir es schätzen bzw. tolerieren, wenn Personen gefähr-lichen Berufen oder riskanten Freizeitbeschäftigungen nachgehen. Das kann man nur, wenn man den Standpunkt vertritt, daß es Werte oder Ideale gibt, für die es sich lohnt, sein Leben aufs Spiel zu setzen – was wiederum die Überzeugung impliziert, daß die physische Existenz kein allerhöchstes, unverfügbares Gut ist. Im übrigen zeigt auch die Märtyrerverehrung der katholischen Kirche, wie widersprüchlich der Gedanke einer absoluten Lebenspflicht ist: Einerseits behaupten die Theologen kategorisch, das menschliche Leben sei heilig und dürfe niemals und unter keinen Umständen angetastet werden; andererseits sind sie Teil einer Institution, in der Personen dafür verehrt werden, daß sie eben dieses Leben bewußt für ihren Glauben geopfert haben.

 

Ist es nicht verständlich, daß von Seiten der Kirche gefordert wird, man solle Sterben-den in erster Linie emotional beistehen, anstatt sie zu töten? Schließlich gehört die Sorge um die Schwachen und Kranken ja zu den zentralen Grundsätzen des christlichen Glaubens.

 

Es ist gut und richtig, wenn den Menschen bewußt gemacht wird, daß sie verpflichtet sind, sich um diejenigen zu kümmern, die hilflos und schwach sind. Ich halte es aber für problematisch, wenn man ihnen das Recht abspricht, über ihr eigenes Leben bzw. ihren eigenen Tod zu bestimmen. Zudem leuchtet mir nicht ein, warum die katholische Kirche einen derart krassen Widerspruch zwischen aktiver Euthanasie und aufopferungsvoller Pflege sieht. Das eine schließt das andere ja nicht aus. Warum sollte es nicht möglich sein, einem Schwerkranken zunächst das nötige Maß an Fürsorge und Unterstützung zukommen zu lassen, ihm dann aber schließlich doch beim Sterben zu helfen, wenn er dies wünscht? Die Kirche erweckt den Eindruck, das Töten von Menschen bringe stets mangelnden Respekt vor dem Leben zum Ausdruck und sei ein Indiz für die fehlende Bereitschaft, sich auf das Leiden anderer wirklich einzulassen. Doch ich meine, daß in vielen Fällen genau das Gegenteil zutrifft: daß nämlich die Hilfe beim Sterben durch tiefes Verständnis für die qualvolle Situation des Kranken motiviert ist und Respekt für die Autonomie eines zur bewußten Lebensgestaltung fähigen Individuums zum Ausdruck bringt. Aus meiner Sicht behandelt die Kirche ihre Gläubigen beim Thema »Sterbehilfe« wie unmündige Kinder, denen jegliche Fähigkeit zur moralischen Reflexion fehlt. Das zeigt sich z.B. auch daran, daß sie die Argumente derjenigen, die ihren Standpunkt nicht teilen, mit teils drastischen Worten als vollkommen amoralisch diskreditiert. So wird etwa in der bereits erwähnten Enzyklika die Bereitschaft, einen anderen Menschen auf dessen Wunsch hin zu töten oder ihn beim Suizid zu unterstützen, pauschal als »Perversion echten Mitleids« bezeichnet, womit suggeriert wird, jeder, der sich in irgendeiner Form an derartigen Handlungen beteilige, leide an einer Art krankhaften Störung seiner emotionalen Wahrnehmung. Offenbar betrachtet also die Kirche Befür-worter der Sterbehilfe nicht als ernstzunehmende Gesprächspartner, sondern sieht in ihnen pathologische Fälle, mit denen ein rationaler Austausch von Argumenten von vornherein unmöglich ist.

 

Oft hört man, suizidwillige Schwerstkranke suchten eigentlich gar nicht den Tod, sondern verlangten primär aus Angst vor Schmerzen nach Euthanasie. Sollten wir vielleicht weniger über die Zulässigkeit aktiver Sterbehilfe diskutieren, als vielmehr daran arbeiten, daß Menschen in der letzten Lebensphase psychologisch und palliativ-medizinisch so versorgt werden, daß sie ohne Qualen und in Würde sterben können?

 

Zweifellos würde die bessere Betreuung Sterbender dazu führen, die Zahl derjenigen zu verringern, die Euthanasie in Anspruch nehmen wollen. Die gegenwärtige Situation in Deutschland ist tatsächlich mehr als unbefriedigend. Es ist nicht akzeptabel, daß in einem hochentwickelten Land wie der Bundesrepublik für todkranke Patienten nur ungefähr 1500 ambulante Palliativ- und Hospizdienste und knapp 500 stationäre Einrichtungen zur Verfügung stehen. Es wäre allerdings ein Trugschluß zu glauben, durch eine Ver-besserung der Versorgungssituation werde sich das Problem, über das wir diskutieren, einfach in Luft auflösen. Selbst wenn es möglich wäre, alle Sterbenden in Deutschland optimal zu betreuen, gäbe es immer noch Menschen, die im Falle einer tödlichen Krankheit den Wunsch hätten, ihr Leben zu beenden. Niemand, der sich mit dem Thema ernsthaft beschäftigt, kann bestreiten, daß es Schmerzen gibt, die durch Medikamente einfach nicht in den Griff zu bekommen sind. Darüber hinaus ist für manche Menschen die Vorstellung unerträglich, im Laufe einer fortschreitenden schweren Krankheit nach und nach alle körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu verlieren und schließlich als hilfloses Pflegeobjekt zu enden. Gerade diesen Patienten ist nicht damit geholfen, daß man ihnen eine optimale Betreuung in einer palliativmedizinischen Einrichtung anbietet. Für sie ist der Suizid oder die aktive Sterbehilfe oft das einzige Mittel, um eine Existenz zu beenden, die sie als qualvoll und sinnlos empfinden.

 

Ärzte berichten allerdings immer wieder, nur ein winziger Teil der von ihnen betreuten Sterbenden habe jemals direkt um Euthanasie gebeten.

 

Natürlich sprechen wir hier nicht über ein Massenphänomen. Es ist ja nicht so, daß die Hälfte aller Sterbenden in Deutschland plötzlich Euthanasie in Anspruch nehmen würde, wenn das gesetzliche Verbot morgen fiele. Für die Frage danach, ob es moralisch ak-zeptabel ist, suizidwilligen Schwerstkranken beim Sterben zu helfen, ist es aber zunächst einmal völlig irrelevant, ob diese Problematik nur ein paar Dutzend oder Tausende Fälle im Jahr betrifft. Darüber hinaus glaube ich, daß das Wissen um das derzeit geltende Verbot aktiver Euthanasie viele Kranke davon abhält, ihre Ärzte überhaupt auf dieses Thema anzusprechen. Daher ist es schwierig, aus den Auskünften der Mediziner ab-zuleiten, daß das Problem der aktiven Sterbehilfe nur wenige Menschen betrifft.

 

Der hippokratische Eid verpflichtet Ärzte dazu, alles zu unterlassen, was ihren Patienten schaden könnte. Steht die Tötung schwerkranker Menschen nicht in eklatantem Widerspruch zu diesem Prinzip?

 

Nein, aus meiner Sicht nicht. Denn sofern diese Menschen kein Interesse mehr daran haben, weiterzuexistieren, wird ihnen auch nicht geschadet, wenn man ihnen das Leben nimmt. Dies entspricht dem Grundsatz volenti non fit iniuria, der besagt, daß demjenigen, der in eine ihn betreffende Handlung einwilligt, mit dem Vollzug dieser Handlung kein Unrecht zugefügt wird – natürlich immer unter der Voraussetzung, daß die Einwilligung freiwillig gegeben wurde. Tatsächlich ist ja auch genau dies eine der zentralen Funktionen des hippokratisches Eids: Er soll sicherstellen, daß der Arzt nichts tut, was dem Patientenwillen zuwiderläuft. Schutzwürdig sind also in erster Linie die Interessen und Präferenzen des Behandelten und nicht sein Körper. Daher findet sich auch an keiner Stelle des Eides ein absolutes Verbot, die physische Integrität des Patienten zu verletzen, denn eben dies ist im Rahmen einer medizinischen Behandlung manchmal unumgänglich: In vielen Fällen müssen die Ärzte durch Operationen in den Körper des Patienten eingreifen, da sie dessen Wunsch, gesund zu werden oder zu überleben, mit anderen Mitteln nicht erfüllen können. Die Körperverletzung, die der chirurgische Eingriff darstellt, ist also nur deshalb zulässig, weil der Patient der Auffassung ist, daß sie seinem Wohl dient. Ähnlich ist es nun auch bei der aktiven Sterbehilfe: Wenn der Kranke der Meinung ist, sein Leben sei nicht mehr lebenswert, dann tut ein Arzt, der ihn tötet, nichts, was seinen standesethischen Prinzipien widerspricht, denn er realisiert mit seiner Handlung nichts anderes als das Wohl dieses Menschen. Das bedeutet freilich nicht, daß er verpflichtet ist, das Leben seines Patienten auf dessen Wunsch hin zu beenden. Die Entscheidung darüber, ob man aktive Sterbehilfe leisten möchte oder nicht, bleibt dem persönlichen Gewissen überlassen und muß, gleichgültig wie sie ausfällt, respektiert werden.

 

Sie befürchten nicht, daß das Verhältnis zwischen Arzt und Patient irreparabel be-schädigt werden könnte, wenn man es zuließe, daß Mediziner kranke Menschen aktiv töten?

 

Ich wüßte nicht, worin dieser Schaden bestehen könnte. Manche Euthanasiekritiker warnen vor einem Vertrauensverlust, doch ich kann mir kaum vorstellen, daß Patienten plötzlich die Sorge entwickeln könnten, ihr Arzt werde sie töten, anstatt sie zu behandeln. Wäre diese Gefahr realistisch, dann müßten bereits heute schwangere Frauen Angst vor einem Klinikbesuch haben, weil allgemein bekannt ist, daß dort regelmäßig Föten bis zur 12. Woche straffrei abgetrieben werden. Derartige Befürchtungen sind aber wohl kaum verbreitet, was natürlich daran liegt, daß Schwangerschaftsabbrüche niemals gegen den Willen der werdenden Mutter vorgenommen werden, sondern nur mit ihrem ausdrücklichem Einverständnis. Genau dieses Einverständnis ist nun auch Voraussetzung für die Durchführung aktiver Sterbehilfe, und dieser Umstand macht es wahrscheinlich, daß sich schwerkranke Patienten auch dann vertrauensvoll in die Behandlung eines Arztes begeben würden, wenn sie wüßten, daß dieser schon anderen Menschen beim Sterben geholfen hat. Vielleicht würde das Wissen um die Möglichkeit einer vom Arzt durchgeführten Sterbehilfe sogar manchem Patienten die Kraft geben, seine Krankheit bis zum Ende zu ertragen. Daher verstehe ich auch nicht, warum Kritiker behaupten, der assistierte Suizid oder die aktive Euthanasie widersprächen dem ärztlichen Selbstverständnis. Immer wieder ist der Satz zu hören, Aufgabe der Ärzte sei es, zu heilen oder zumindest einen Tod ohne Schmerzen zu ermöglichen, aber nicht das Leben von Menschen aktiv zu beenden. Das ist aber meiner Meinung nach pure Heuchelei.

 

Warum?

 

Weil Ärzte genau solche vermeintlich ethisch nicht zu rechtfertigenden Handlungen bereits ausführen – und das nicht nur mit Zustimmung der Bevölkerungsmehrheit, sondern auch in völligem Einklang mit unserer Rechtsordnung. Diese erlaubt es nämlich schon heute, daß Behandlungsmaßnahmen, die Patienten am Leben erhalten, ab-gebrochen werden, ohne daß dies für den Arzt juristische Konsequenzen hätte, z.B. wenn diese Personen in einer Patientenverfügung festgelegt haben, daß sie nicht künstlich am Leben erhalten werden möchten. In solchen Fällen ist zwar oftmals von passiver Sterbehilfe die Rede, doch in Wirklichkeit beendet der Arzt das Leben des Patienten natürlich aktiv, da er eine Handlung ausführt, die kausal für das Eintreten des Todes verantwortlich ist.

 

Nehmen wir einmal an, man wäre sich einig darüber, aktive Euthanasie auf Wunsch des Patienten grundsätzlich für moralisch zulässig zu erklären. Sollte man dann nur bei jenen Menschen Sterbehilfe leisten, die extrem leiden? Oder sind Sie der Meinung, daß man auch Menschen aktiv töten sollte, deren Krankheitsbild objektiv gesehen weniger gravierend ist?

 

Niemand möchte, daß man z.B. einem Teenager dabei hilft zu sterben, nur weil er unter starkem Liebeskummer leidet und glaubt, sein Leben habe nun jeden Sinn verloren. Das wäre auch in hohem Maße verantwortungslos, weil dieser junge Mensch nach Überwindung seiner depressiven Phase mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder ein halb-wegs glückliches Leben führen wird. In diesem Fall liegt es also eindeutig nicht im aufgeklärten, langfristigen Interesse der Person, getötet zu werden, und daher kann man aktive Sterbehilfe nicht rechtfertigen. Dies ist erst dann anders, wenn der Sterbewillige auch objektiv betrachtet von seiner weiteren Existenz im wesentlichen nur Schmerz und Leid zu erwarten hat, d.h. unter einer irreversiblen Erkrankung leidet, die ihrem weiteren Verlauf mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Tode führen oder die Lebensqualität des Betroffenen in drastischer Weise verringern wird. Um dies festzustellen, sind natürlich intensive medizinische Untersuchungen nötig, die allerdings nicht nur den körperlichen Zustand des Patienten, sondern auch seine psychische Verfassung umfassen müssen. Denn auch sehr schwerwiegende seelische Erkrankungen oder Leidenszustände können nach meiner Auffassungen die Durchführung aktiver Sterbehilfe rechtfertigen.

 

In dem Fall, über den wir zu Beginn unseres Gesprächs diskutiert haben, war die Situation vergleichsweise klar: Der Schwerkranke war geistig noch in der Lage, über seine Situation zu reflektieren und seinen Todeswunsch unmißverständlich zu äußern. Nun gibt es aber auch moribunde Patienten, die genau das nicht mehr können, z.B. Säuglinge, Demente oder Komatöse. Wie sollte man mit diesen Menschen umgehen?

 

Betrachten wir zunächst die beiden letztgenannten Gruppen. Dabei handelt es sich wahrscheinlich fast ausschließlich um Menschen, die zwar aktuell nicht mehr über Rationalität verfügen, vor ihrer Krankheit jedoch autonome Personen gewesen sind. Daher besteht bei ihnen die Möglichkeit, daß sie sich vor dem Verlust ihrer geistigen Fähigkeiten dazu geäußert haben, wie sie im Falle einer gravierenden Erkrankung behandelt werden wollen, z.B. in einer Patientenverfügung. In einem solchen Dokument könnte für bestimmte Krankheitszustände auch der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe formuliert worden sein, so daß Ärzte sich darauf berufen können, falls die entsprechende Situation eintritt. Dagegen ließe sich zwar einwenden, daß der Betroffene aktuell seinen Willen nicht mehr äußern kann und möglicherweise seine frühere Entscheidung revidieren würde, wenn er dazu in der Lage wäre. Doch eine solche Möglichkeit kann auch in Fällen, in denen es nur um die Frage des Abbruchs lebenserhaltender Maßnahmen geht, nicht ausgeschlossen werden, und trotzdem gibt es einen allgemeinen Konsens darüber, daß die in einer Patientenverfügung niedergelegten Willensbe-kundungen respektiert werden müssen. Daraus folgt für mich, daß auch bei Dementen oder Komatösen aktive Euthanasie in manchen Fällen zulässig ist. Wenn allerdings der mutmaßliche Wille der Erkrankten nicht ermittelt werden kann, sollte man auf Sterbehilfe verzichten.

 

Das dürfte bei der Frage der Neugeboreneneuthanasie dann aber ähnlich sein, schließlich haben wir in diesen Fällen gar keine Möglichkeit, etwas über den Willen der Betroffenen in Erfahrung zu bringen.

 

Ja. Da Neugeborene über keinerlei Vernunft verfügen, können wir prinzipiell nicht fest-stellen, welche Form der Behandlung bzw. Nicht-Behandlung sie bevorzugen. Es müssen also andere Menschen darüber entscheiden, ob bei ihnen eine Therapie eingestellt oder ihr Leben sogar aktiv beendet werden soll, z.B. die Eltern. Dies kann etwa dann der Fall sein, wenn ein Säugling mit so schweren Schäden geboren wird, daß er keine Überlebens-chance hat. Bei diesen Kindern verzichtet man heute in vielen Fällen auf eine weitere Behandlung und läßt sie sterben, aber es gibt auch Überlegungen, ob es nicht humaner wäre, ihren Tod aktiv herbeizuführen, um so weiteres Leiden zu vermeiden. Ich meine allerdings, daß man nicht für jemand anderen die Entscheidung treffen sollte, daß dessen Leben es nicht mehr wert ist, gelebt zu werden. Daher plädiere ich dafür, bei schwerst-geschädigten Säuglinge keine aktive Sterbehilfe zu leisten, zumindest so lange nicht, wie sichergestellt ist, daß ihre Schmerzen mit palliativmedizinischen Mittel wirkungsvoll bekämpft werden können.

 

Es gibt Philosophen, die behaupten, Säuglingen und Kleinkindern könne man überhaupt kein direktes Lebensrecht zusprechen, weil sie keine Personen, d.h. autonome, vernünftige Individuen mit einem Bewußtsein für die eigene Existenz seien.

 

Wenn man das Recht auf Leben vom Besitz ganz bestimmter Fähigkeiten abhängig macht, ergibt sich daraus in der Tat, daß manche Menschen nicht mehr als Träger dieses Rechts betrachtet werden können. Das heißt freilich nicht, daß man deshalb beliebig über ihr Leben verfügen dürfte. Es ist möglich, ihnen ein indirektes, abgeleitetes Lebensrecht zuzusprechen, indem man ihre Schutzwürdigkeit mit dem Interesse anderer Menschen an ihrem Wohlergehen begründet. Das Argument lautet also: Weil dieses Kind von seiner Familie oder Freunden geliebt wird, wäre es ein gravierendes Unrecht, sein Leben zu beenden, da dies die Interessen der Angehörigen massiv verletzen würde. Umgekehrt bedeutet das natürlich, daß das Kind getötet werden dürfte, wenn niemand Interesse an seinem Weiterleben hätte. Dementsprechend unproblematisch wäre es, aktive Sterbehilfe zu leisten, wenn die Familie zu der Überzeugung käme, es sei besser, das Leben des Kindes zu beenden.

 

Eine solche Entscheidung ist zweifellos immer mit einem Urteil über den Wert eines Lebens verbunden. Sind Menschen überhaupt dazu berechtigt, eine solche Beurteilung vorzunehmen, oder sehen Sie darin eine nicht akzeptable Anmaßung?

 

Grundsätzlich halte ich es schon für möglich, über die Qualität eines Lebens zu sprechen und dabei auch Bewertungen vorzunehmen. Was ist z.B. problematisch daran, wenn wir angesichts der Situation eines Menschen, der schwer erkrankt ist, sagen, sein Dasein sei aus unserer Sicht nicht mehr lebenswert? Damit sprechen wir ihm ja nicht das Recht auf Leben ab oder machen ihm zum Vorwurf, daß er immer noch existiert. Wir bringen lediglich zum Ausdruck, daß wir unser Leben nicht mehr schätzen und daher den Tod vorziehen würden, wenn wir in seiner Lage wären. Natürlich kann jemand auch zu einer ganz anderen Beurteilung gelangen, aber darüber kann und sollte man dann diskutieren – eventuell sogar mit dem Ergebnis, daß es einen gewissen Konsens darüber gibt, welche Bedingungen die Qualität der menschlichen Existenz bestimmen. Die Stellungnahmen der Euthanasiekritiker suggerieren allerdings, die Diskussion über Lebensqualität sei sinnlos bzw. verwerflich, so daß man den Eindruck gewinnt, es mache für sie keinen Unterschied, ob man gravierende gesundheitliche Problemen habe oder nicht. Dann frage ich mich aber, warum die Medizin überhaupt versucht, Krankheiten zu heilen oder ihnen vorzubeugen. Wenn ein Leben als Querschnittsgelähmter oder geistig Behinderter genauso gut wäre wie ein Leben ohne diese Einschränkungen, gäbe es eigentlich keinen Grund mehr dafür, Neuroimplantate zu entwickeln, bei Schwangeren Vorsorgeunter-suchungen durchzuführen oder Kinder gegen gefährliche Krankheiten wie Masern zu impfen. Für mich ist klar, daß ein Leben in Gesundheit aus der Perspektive des Be-troffenen zunächst einmal besser ist als ein Leben in Krankheit, womit ich aber keineswegs behaupten will, daß ein kranker Mensch mehr wert wäre als ein gesunder.

 

Nun gibt es nicht wenige Menschen, die aktive Sterbehilfe zwar in manchen Fällen für moralisch zulässig halten, sich aber dennoch für die Beibehaltung des gegenwärtig geltenden rechtlichen Verbots aussprechen, weil sie befürchten, es könne sonst zu einer Art Dammbruch kommen.

 

Ich halte diese Gefahr für eher gering. Es gibt ja bereits Gesellschaften, in denen aktive Sterbehilfe praktiziert wird, z.B. in den Niederlanden, und dort ist man weit davon entfernt, alte und kranke Menschen gegen ihren Willen zu töten. Immer wieder warnen die Sterbehilfe-Kritiker vor der Gefahr eines Dammbruchs, aber gegenwärtig sehe ich keine Indizien dafür, daß eine solche Entwicklung wahrscheinlich ist. Manche der entworfenen Schreckensszenarien sind sogar derart absurd, daß man an der intellek-tuellen Redlichkeit ihrer Urheber zweifeln muß. Ich respektiere Menschen, die aktive Sterbehilfe mißbilligen, doch wenn sie ihren Gegnern Motive unterstellen, die diese eindeutig nicht haben, dann ist das eine Form der Unaufrichtigkeit, die nicht zu entschuldigen ist. Kein Befürworter aktiver Euthanasie will ein System etablieren, in dem Menschen getötet werden, weil sie eine Belastung für unsere Gesellschaft sind. Für besonders problematisch halte ich deshalb auch die euthanasiekritischen Beiträge, die Parallelen zwischen der gegenwärtigen Sterbehilfe-Debatte und der Vernichtung ver-meintlich lebensunwerten Lebens durch die Nationalsozialisten ziehen. Den Nazis ging es allein darum, Menschen zu vernichten, die aus ihrer Sicht wertlos oder sogar schädlich für die »Volksgemeinschaft« waren. Die Frage, wie diese Menschen selbst ihr Leben empfanden oder bewerteten, spielte für sie keine Rolle. Heutige Euthanasiebefürworter dagegen nehmen gerade die Perspektive der Betroffenen selbst ein und wollen erreichen, daß die Menschen, die ihr eigenes Leben als nicht mehr als lebenswert empfinden, Hilfe beim Sterben erhalten.

 

Trotzdem könnte diese Regelung z.B. von Pflegenden dazu mißbraucht werden, An-gehörige loszuwerden, die für sie zu einer großen Belastung geworden sind.

 

Mißbrauch läßt sich grundsätzlich nie ausschließen. Auch eine Rechtsnorm wie z.B. der Notwehr-Paragraph kann dazu benutzt werden, einen Mord als Akt der Selbst-verteidigung zu tarnen. Aber wäre es deshalb besser, wenn es in unserer Rechtsordnung diese Norm nicht gäbe? Für mich ist klar, daß ein Staat Notwehrsituationen gesetzlich regeln muß. Und bei der aktiven Sterbehilfe ist das ähnlich: Wir brauchen einen rechtlichen Rahmen, der festlegt, unter welchen Bedingungen es zulässig ist, schwerst-kranken Menschen beim Sterben zu helfen. Dabei könnte man sich etwa an den niederländischen Regelungen orientieren, nach denen aktive Euthanasie unter der Voraussetzung erlaubt ist, daß zwei Ärzte sich intensiv mit dem sterbewilligen Patienten befaßt haben und in einem Gutachten zu dem Ergebnis gekommen sind, daß eine solche Entscheidung ethisch verantwortbar ist. Mit solchen Vorgaben könnte verhindert werden, daß die Zahl Euthanasie-Fälle exorbitant steigt oder gar Menschen gegen ihren Willen getötet werden. Im übrigen hat Norbert Hoerster überzeugend dargelegt, daß das von den Sterbehilfe-Kritikern immer wieder angeführte Mißbrauchsargument nur wenig überzeugend ist, da auch bei der gegenwärtig erlaubten passiven bzw. indirekten Sterbehilfe unter dem Deckmantel gesetzlicher Regelungen illegal getötet werden kann.

 

Während Sie das niederländische System als Vorbild sehen, wird es von Gegnern der Sterbehilfe als Beispiel dafür angeführt, wie schnell man auf eine schiefe Ebene geraten könne. Trifft es zu, daß in unserem Nachbarland seit Inkrafttreten des Euthanasie-gesetzes die Tötung kranker Menschen massiv zugenommen hat?

 

Schon lange, bevor der assistierte Suizid legalisiert wurde, war es in den Niederlanden üblich, daß Ärzte ihren Patienten beim Sterben halfen. Diese Praxis war auch den Justizbehörden bekannt, wurde von ihnen aber stillschweigend toleriert. Seit die Eutha-nasie nun gesetzlich geregelt ist, werden das erste Mal statistische Daten erhoben, nach denen es dort jährlich etwa 5000 Fälle gibt, in denen Ärzte Menschen beim Suizid assistieren oder aktive Sterbehilfe leisten. Niemand weiß jedoch, wie die Zahlen vor der Einführung des Sterbehilfegesetzes gewesen sind. Daher ist es unmöglich ist zu sagen, ob die Zahl der Fälle aktiver Euthanasie nach ihrer Legalisierung zugenommen hat, ab-genommen hat oder gleich geblieben ist.

 

Wenn es zum Alltag gehört, daß das Leben moribunder Patienten aktiv beendet wird, ändert sich womöglich auch die gesellschaftliche Grundhaltung gegenüber jenen Menschen, deren körperliche oder geistige Gesundheit beeinträchtigt ist. Können Sie ausschließen, daß sich Kranke oder Behinderte in Zukunft für ihre Existenz womöglich rechtfertigen müssen?

 

Ich glaube nicht, daß eine solche Entwicklung wahrscheinlich ist. Wenn unsere Gesellschaft es zuläßt, daß schwerkranke Menschen auf ihren Wunsch hin getötet werden dürfen, dann ist das ja nicht die Folge ökonomischen Effizienzdenkens oder einer übermäßigen Idealisierung physischer Perfektion. Es geht vielmehr um Respekt vor der Autonomie des Einzelnen. Niemand, der für die Zulassung aktiver Sterbehilfe eintritt, tut dies, weil er die Existenz von Behinderten, Alten oder Kranken als gesellschaftlichen Makel begreift, den es um jeden Preis auszulöschen gilt. Es geht allein darum, Menschen, denen ihr Leben unerträglich geworden ist, die Möglichkeit zu eröffnen, es menschen-würdig zu beenden. Außerdem würden die von Ihnen beschriebenen Tendenzen wohl eher als Folge massenhaft praktizierter aktiver Sterbehilfe bei schwerstgeschädigten Säuglingen auftreten und nicht als Resultat einer allgemein akzeptierten Euthanasie-praxis bei todkranken Erwachsenen. Die Tötung von Säuglingen aber sollte, wie ich bereits deutlich gemacht habe, unterbleiben, und wenn man sich an diesen Grundsatz hält, dann kann aktive Sterbehilfe legalisiert werden, ohne daß dies zu Diskriminierung oder Ausgrenzung bestimmter Menschengruppen führen wird.

 

(2018) 

 



 

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