Gottfried August Bürger

Das harte Mädchen

 

Ich sah so frei und wonnereich
Einst meine Tag’ entschlüpfen,
Wie Vögelchen, von Zweig auf Zweig,
Beim Morgenliede hüpfen.

 

Fragt jeden Sommerwind, der hier
Die Blumenau erfrischet:
Ob je ein Seufzer sich von mir
in seinen Hauch gemischet?

 

Fragt nur den stillen Bach im Klee:
Ob er mich klagen hörte?
Und ob von mir ein Tränchen je
Die kleinen Wellen mehrte?

 

Mein Auge schaute falkenhell,
Durch meilenlange Räume.
Wie Gems und Eichhorn, sprang ich schnell
Auf Felsen und auf Bäume.

 

Sobald ich auf mein Lager sank,
Entschlief ich ungestöret.
Des Wächters Horn und Nachtgesang
Hat nie mein Ohr gehöret.

 

Nun aber sind mir Lust und Scherz
Und Mut und Kraft vergangen.
Ein hartes Mädchen hält mein Herz,
Mein armes Herz gefangen.

 

Nun hauch’ ich meine Seele schier
Erseufzend in die Winde,
Und girre kläglich hin nach ihr,
Gleich einem kranken Kinde.

 

Nun müssen Bach und Klee genung
Verliebter Zähren saugen,
Und graue Nebeldämmerung
Umwölkt die muntern Augen.

 

Nun härm’ ich ganze Nächte lang,
Auf schlummerlosem Lager,
Die leichten Glieder matt und krank,
Die vollen Wangen hager.

 

An meinem Leben nagt die Wut
Grausamer Seelengeier;
Nagt Eifersucht auf fremde Glut,
Nagt mein verschmähtes Feuer.

 

Das harte Mädchen sieht den Schmerz,
Und mehrt ihn dennoch stündlich.
O Liebe, kennst du noch ein Herz
Wie dieses, unempfindlich? –

 

Ein einzig Lächeln voller Huld
Würd’ allen Kummer lindern,
Und ihre nicht erkannte Schuld
Bald tilgen, oder mindern.

 

Mich weckte wohl ihr süßer Ton
Noch aus dem Grabe wieder;
Ja, wär’ ich auch im Himmel schon,
Er lockte mich hernieder.

 

(1778)

 

 

 

 

Gottfried August Bürger

Der Bauer. An seinen durchlauchtigen Tyrannen

 

Wer bist du, Fürst, daß ohne Scheu
Zerrollen mich dein Wagenrad,
Zerschlagen darf dein Roß?

Wer bist du, Fürst, daß in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungebleut
Darf Klau und Rachen haun?

Wer bist du, daß durch Saat und Forst
Das Hurra deiner Jagd mich treibt,
Entatmet wie das Wild? –

Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Roß und Hund und du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein.

Du Fürst hast nicht bei Egg und Pflug,
Hast nicht den Erntetag durchschwitzt.
Mein, mein ist Fleiß und Brot! –

Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus; du raubst!
Du nicht von Gott, Tyrann!

 

(1775)

 

 

 

 

Gottfried August Bürger

Die Holde, die ich meine

 

O, was in tausend Liebespracht
Die Holde, die ich meine, lacht!
Verkünd’ es laut, mein frommer Mund,
Wer tat sich in dem Wunder kund,
Wodurch in tausend Liebespracht
Die Holde, die ich meine, lacht?

 

Wer hat wie Paradieseswelt
Der Holden blaues Aug’ erhellt? –
Er, welcher über Meer und Land
Den lichten Himmel ausgespannt,
Er hat wie Paradieseswelt
Der Holden blaues Aug’ erhellt.

 

Wer tuschte so mit Kunst und Fleiß
Der Holden Wange rot und weiß? –
Er, der die sanfte Lieblichkeit
Der jungen Mandelblüte leiht,
Er tuschte so mit Kunst und Fleiß
Der Holden Wange roth und weiß.

 

Wer schuf der Holden Purpurmund
So würzig süß, so lieb und rund? –
Er, der mit Süßigkeit so mild
Die Amarelle würzt und füllt,
Er schuf der Holden Purpurmund
So würzig süß, so lieb und rund.

 

Wer ließ vom Nacken blond und schön
Der Holden seidne Locken wehn? –
Er, der in seinem milden West
Die goldnen Halme wallen läßt,
Er ließ vom Nacken blond und schön
Der Holden seidne Locken wehn.

 

Wer gab zu Liebesred’ und Sang
Der Holden süßer Stimme Klang? –
Er, welcher Flötenmelodie
Der Lerch’ und Nachtigall verlieh,
Er gab zu Liebesred’ und Sang
Der Holden süßer Stimme Klang.

 

Wer hat zur Fülle höchster Lust
Gewölbt der Holden weiße Brust? –
Er auch, durch den ihr Ebenbild,
Des Schwanes Brust von Flaumen schwillt,
Er hat zur Fülle höchster Lust
Gewölbt der Holden weiße Brust.

 

Durch welches Bildners Hände ward
Der Holden Wuchs so schlank und zart? –
Durch ihm, der wohl zu jeder Frist,
Der Schönheit Bildner war und ist,
Durch ihn, den höchsten Bildner, ward
Der Holden Wuchs so schlank und zart.

 

Wer blies so engelfromm und rein
Der Holden Seel’ und Leben ein? –
Wer sonst, als Er nur, dessen Ruf
Die Engel seines Himmels schuf?
Er blies so engelfromm und rein
Der Holden Seel’ und Leben ein. –

 

Lob sei, o Bildner, deiner Kunst
Und hoher Dank für deine Gunst,
Daß so dein Abbild mich entzückt
Mit allem, was die Schöpfung schmückt!
Lob sei, o Bildner, deiner Kunst
Und hoher Dank für deine Gunst! –

 

Doch ach! für wen auf Erden lacht
Die Holde so in Liebespracht? –
O Gott, bei deinem Sonnenschein!
Fast möcht’ ich nie geboren sein,
Wenn nie in solcher Liebespracht
Die Holde mir auf Erden lacht.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Gottfried August Bürger

Lust am Liebchen

 

Wie selig, wer sein Liebchen hat,

Wie selig lebt der Mann!

Er lebt, wie in der Kaiserstadt

Kein Graf und Fürst es kann.

 

Ihm scheinet seiner Seligkeit

Kein Preis auf Erden gleich.

Selbst arm bis auf den letzten Deut,

Dünkt er sich krösusreich.

 

Die Welt mag laufen, oder stehn;

Und alles mag rund um

Kopf unten oder oben gehn!

Was kümmert er sich drum?

 

Hui! ist sein Wort zu Strom und Wind,

Wer macht aus euch sich was?

Nichts mehr, als wehen kann der Wind,

Und Regen macht nur naß.

 

Gram, Sorg’ und Grille sind ihm Spott;

Er fühlt sich frei und froh,

Und kräht, vergnügt in seinem Gott,

In dulci Jubilo.

 

Durch seine Adern kreiset frisch

Und ungehemmt sein Blut.

Gesunder ist er, wie ein Fisch,

In seiner klaren Flut.

 

Ihm schmeckt sein Mahl; er schlummert süß

Bei federleichtem Sinn,

Und träumt sich in ein Paradies

Mit seiner Eva hin.

 

In Götterfreuden schwimmt der Mann,

Die kein Gedanke mißt,

Der singen oder sagen kann,

Daß ihn sein Liebchen küßt. –

 

Doch ach! was sing’ ich in den Wind,

Und habe selber keins?

O Evchen, Evchen, komm geschwind,

O komm und werde meins!

 

(1778)

 

 

 

 

Johann Wolfgang Goethe

Maifest

 

Wie herrlich leuchtet

Mir die Natur!

Wie glänzt die Sonne!

Wie lacht die Flur!

 

Es dringen Blüten

Aus jedem Zweig

Und tausend Stimmen

Aus dem Gesträuch.

 

Und Freud und Wonne

Aus jeder Brust.

O Erd’, o Sonne,

O Glück, o Lust,

 

O Lieb, o Liebe,

So golden schön

Wie Morgenwolken

Auf jenen Höhn,

 

Du segnest herrlich

Das frische Feld –

Im Blütendampfe

Die volle Welt!

 

O Mädchen, Mädchen

Wie lieb ich dich

Wie blinkt dein Auge

Wie liebst du mich.

 

So liebt die Lerche

Gesang und Luft

Und Morgenblumen

Den Himmelsduft,

 

Wie ich dich liebe

Mit warmem Blut,

Die du mir Jugend

Und Freud und Mut

 

Zu neuen Liedern

Und Tänzen gibst,

Sei ewig glücklich,d

Wie du mich liebst.

 

(1775)

 

 

 

 

Johann Wolfgang Goethe

Prometheus

 

Bedecke deinen Himmel, Zeus,

Mit Wolkendunst!

Und übe, dem Knaben gleich,

Der Disteln köpft,

An Eichen dich und Bergeshöhn;

Mußt mir meine Erde

Doch lassen stehn

Und meine Hütte,

Die du nicht gebaut,

Und meinen Herd,

Um dessen Glut

Du mich beneidest.

 

Ich kenne nichts Ärmer’s

Unter der Sonn’ als euch Götter.

Ihr nähret kümmerlich

Von Opfersteuern

Und Gebetshauch

Eure Majestät

Und darbtet, wären

Nicht Kinder und Bettler

Hoffnungsvolle Toren.

 

Da ich ein Kind war,

Nicht wußt’, wo aus, wo ein,

Kehrte mein verirrtes Aug’

Zur Sonne, als wenn drüber wär’

Ein Ohr, zu hören meine Klage,

Ein Herz wie meins,

Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir

Wider der Titanen Übermut?

Wer rettete vom Tode mich,

Von Sklaverei?

Hast du nicht alles selbst vollendet,

Heilig glühend Herz?

Und glühtest, jung und gut,

Betrogen, Rettungsdank

Dem Schlafenden da droben?

 

Ich dich ehren? Wofür?

Hast du die Schmerzen gelindert

Je des Beladenen?

Hast du die Tränen gestillet

Je des Geängsteten?

Hat nicht mich zum Manne geschmiedet

Die allmächtige Zeit

Und das ewige Schicksal,

Meine Herrn und deine?

 

Wähntest du etwa,

Ich sollte das Leben hassen,

In Wüsten fliehen,

Weil nicht alle Knabenmorgen-

Blütenträume reiften?

 

Hier sitz’ ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde,

Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Zu leiden, weinen,

Genießen und zu freuen sich,

Und dein nicht zu achten,

Wie ich!

 

(1789)

 

 

 

 

Johann Wolfgang Goethe

Rastlose Liebe

 

Dem Schnee, dem Regen.

Dem Wind entgegen,

Im Dampf der Klüfte,

Durch Nebeldüfte,

Immer zu! Immer zu!

Ohne Rast und Ruh!

 

Lieber durch Leiden

Möcht ich mich schlagen,

Als so viel Freuden

Des Lebens ertragen.

Alle das Neigen

Von Herzen zu Herzen,

Ach, wie so eigen

Schaffet das Schmerzen!

 

Wie soll ich fliehen?

Wälderwärts ziehen?

Alles vergebens!

Krone des Lebens,

Glück ohne Ruh,

Liebe, bist du!

 

(1776)

 

 

 

 

Johann Wolfgang Goethe

Willkommen und Abschied

 

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!

Es war getan fast eh’ gedacht;

Der Abend wiegte schon die Erde,

Und an den Bergen hing die Nacht:

Schon stand im Nebelkleid die Eiche,

Ein aufgetürmter Riese, da,

Wo Finsternis aus dem Gesträuche

Mit hundert schwarzen Augen sah.

 

Der Mond von einem Wolkenhügel

Sah kläglich aus dem Duft hervor,

Die Winde schwangen leise Flügel,

Umsaus’ten schauerlich mein Ohr;

Die Nacht schuf tausend Ungeheuer;

Doch frisch und fröhlich war mein Mut:

In meinen Adern welches Feuer!

In meinem Herzen welche Glut!

 

Dich sah ich, und die milde Freude

Floß von dem süßen Blick auf mich;

Ganz war mein Herz an deiner Seite

Und jeder Atemzug für dich.

Ein rosenfarbnes Frühlingswetter

Umgab das liebliche Gesicht,

Und Zärtlichkeit für mich – Ihr Götter!

Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht!

 

Doch ach! schon mit der Morgensonne

Verengt der Abschied mir das Herz:

In deinen Küssen welche Wonne!

In deinem Auge welcher Schmerz!

Ich ging, du standst und sahst zur Erden,

Und sahst mir nach mit nassem Blick:

Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!

Und lieben, Götter, welch ein Glück!

 

(1775)

 

 

 

 

Jakob Michael Reinhold Lenz

Ach, bist du fort? aus welchen güldnen Träumen

 

Ach, bist du fort? aus welchen güldnen Träumen

Erwach’ ich jetzt zu meiner Qual!

Kein Bitten hielt dich auf, du wolltest doch nicht säumen,

Du flogst davon zum zweitenmal.

 

Zum zweitenmal sah ich dich Abschied nehmen,

Dein göttlich Aug’ in Tränen stehn,

Für deine Freundinnen – des Jünglings stummes Grämen

Blieb unbemerkt, ward nicht gesehn.

 

O warum wandtest du die holden Blicke

Beim Abschied immer von ihm ab?

O warum ließest du ihm nichts, ihm nichts zurücke

Als die Verzweiflung und das Grab?

 

Wie ist die Munterkeit von ihm gewichen!

Die Sonne scheint ihm schwarz, der Boden leer,

Die Bäume blühn ihm schwarz, die Blätter sind verblichen,

Und alles welket um ihn her.

 

Er läuft in Gegenden wo er mit dir gegangen,

Im krummen Bogengang, im Wald, am Bach –

Und findet dich nicht mehr – und weinet voll Verlangen

Und voll Verzweiflung dort dir nach.

 

Dann in die Stadt zurück, doch die erweckt ihm Grauen,

Er findet dich nicht mehr, Vollkommenheit!

Ein andrer mag nach jenen Puppen schauen,

Ihm sind die Närrinnen verleid’t.

 

O laß dich doch, o laß dich doch erflehen,

Und schreib ihm einmal nur – ob du ihn liebst!

Ach, oder laß ihn nie dich wiedersehen,

Wenn du ihm diesen Trost nicht gibst!

 

Wie? nie dich wiedersehn? – Entsetzlicher Gedanke!

Ström alle deine Qual auf mich!

Ich fühl’, ich fühl’ ihn ganz – es ist zu viel – ich wanke –

Ich sterbe, Grausame – für dich!

 

(1772)

 

 

 

 

Jakob Michael Reinhold Lenz

Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen?

 

Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen,

Wo singst du itzt?

Wo lacht die Flur, wo triumphiert das Städtchen,

Das dich besitzt?

 

Seit du entfernt, will keine Sonne scheinen,

Und es vereint

Der Himmel sich, dir zärtlich nachzuweinen,

Mit deinem Freund.

 

All unsre Lust ist fort mit dir gezogen,

Still überall

Ist Wald und Feld. Dir nach ist sie geflogen

Die Nachtigall.

 

O komm zurück! Schon rufen Hirt und Herden

Dich bang herbei.

Komm bald zurück! Sonst wird es Winter werden

Im Monat Mai.

 

(1772)

 

 

 

 

Christian Friedrich Daniel schubart

Das schwangere Mädchen

(Nachts beim Sternenlicht auf ihrer Mutter Grab.)

 

Gott, mit welchem Todesschauer

Stieg ich über diese Mauer!

Und wie starrt mein junges Blut

Hier, wo meine Mutter ruht!

 

Blickt herab, ihr Sterne Gottes,

Blickt in diesen Hain des Todes,

Wo ich armes Mädchen steh

Und zu Gott um Gnade fleh.

 

Mutter, hörst du meine Klagen? –

Ach, was würdest du erst sagen,

Sähest du im Sternenlicht

Mein verbleichtes Angesicht!

 

Ja, so geht’s! ich hab vermessen,

Mutter, deiner Lehr vergessen:

Kind, sei keusch und fromm, – sprachst du,

Ach, nun donnerst du mir zu.

 

Denn ein Jüngling kam verwegen

Mir mit Schmeichelei entgegen,

Sprach von Treu und Tugend viel,

Und ich Arme glaubt’s – und fiel.

 

Und nun eilt mit frecher Stirne

In die Arme einer Dirne

Der Verruchte, spottet, lacht,

Daß er mich zu Fall gebracht.

 

Ach, was machst du mir für Schmerzen,

Würmlein, unter meinem Herzen!

Gott weiß, wär mir’s nicht um dich,

In ein Wasser stürzt’ ich mich.

 

Mutter, ach erbarm dich meiner!

Keiner ist auf Erden, keiner,

Der mich trösten kann, als du;

Ach, so sprich mir Tröstung zu!

 

(o.J.)

 

 

 

 

Christian Friedrich Daniel Schubart

Der Bettelsoldat

 

Mit jammervollem Blicke,
Von tausend Sorgen schwer,
Hink’ ich an meiner Krücke
In weiter Welt umher

 

Gott weiß, hab’ viel gelitten,
Ich hab’ so manchen Kampf
In mancher Schlacht gestritten,
Gehüllt in Pulverdampf.

 

Sah manchen Kameraden
An meiner Seite tot,
Und mußt’ im Blute waten,
Wenn es mein Herr gebot.

 

Mir drohten oft Geschütze
Den fürchterlichsten Tod,
Oft trank ich aus der Pfütze,
Oft aß ich schimmlicht Brot.

 

Ich stand in Sturm und Regen
In grauser Mitternacht,
Bei Blitz und Donnerschlägen,
Oft einsam auf der Wacht.

 

Und nun nach mancher Schonung,
Noch fern von meinem Grab,
Empfang’ ich die Belohnung –
Mit diesem Bettelstab.

 

Bedeckt mit dreizehn Wunden,
An meine Krück’ gelehnt,
Hab’ ich in manchen Stunden
Mich nach dem Tod gesehnt.

 

Ich bettle vor den Türen,
Ich armer lahmer Mann!
Doch ach! wen kann ich rühren?
Wer nimmt sich meiner an?

 

War einst ein braver Krieger,
Sang manch Soldatenlied
Im Reihen froher Sieger;
Nun bin ich Invalid.

 

Ihr Söhne, bei der Krücke,
An der mein Leib sich beugt,
Bei diesem Tränenblicke,
Der sich zum Grabe neigt;

 

Beschwör’ ich euch – ihr Söhne!
O flieht der Trommel Ton
Und Kriegstrommetentöne!
Sonst kriegt ihr meinen Lohn.

 

(1781)

 

 

 

 

Christian Friedrich Daniel Schubart

Die Fürstengruft

 

Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer,

Ehmals die Götzen ihre Welt!

Da liegen sie, vom fürchterlichen Schimmer

Des blassen Tags erhellt!

 

Die alten Särge leuchten in der dunkeln

Verwesungsgruft, wie faules Holz;

Wie matt die großen Silberschilde funkeln,

Der Fürsten letzter Stolz!

 

Entsetzen packt den Wandrer hier am Haare,

Geußt Schauer über seine Haut,

Wo Eitelkeit, gelehnt an eine Bahre,

Aus hohlen Augen schaut.

 

Wie fürchterlich ist hier des Nachhalls Stimme!

Ein Zehentritt stört seine Ruh’.

Kein Wetter Gottes spricht mit lauterm Grimme:

O Mensch, wie klein bist du!

 

Denn ach! hier liegt der edle Fürst, der gute!

Zum Völkersegen einst gesandt,

Wie der, den Gott zur Nationenrute

Im Zorn zusammenband.

 

An ihren Urnen weinen Marmorgeister;

Doch kalte Tränen nur, von Stein,

Und lachend grub, vielleicht ein welscher Meister,

Sie einst dem Marmor ein.

 

Da liegen Schädel mit verloschnen Blicken,

Die ehmals hoch herabgedroht,

Der Menschheit Schrecken! – denn an ihrem Nicken

Hing Leben oder Tod.

 

Nun ist die Hand herabgefault zum Knochen,

Die oft mit kaltem Federzug

Den Weisen, der am Thron zu laut gesprochen,

In harte Fesseln schlug.

 

Zum Totenbein ist nun die Brust geworden,

Einst eingehüllt in Goldgewand,

Daran ein Stern und ein entweihter Orden,

Wie zween Kometen stand.

 

Vertrocknet und verschrumpft sind die Kanäle,

Drin geiles Blut, wie Feuer floß,

Das schäumend Gift der Unschuld in die Seele,

Wie in den Körper goß.

 

Sprecht Höflinge, mit Ehrfurcht auf der Lippe,

Nun Schmeichelei’n ins taube Ohr! –

Beräuchert das durchlauchtige Gerippe

Mit Weihrauch, wie zuvor!

 

Er steht nicht auf, euch Beifall zuzulächeln,

Und wiehert keine Zoten mehr,

Damit geschminkte Zofen ihn befächeln,

Schamlos und geil, wie er.

 

Sie liegen nun, den eisern Schlaf zu schlafen,

Die Menschengeißeln, unbetraurt,

Im Felsengrab, verächtlicher als Sklaven,

Im Kerker eingemaurt.

 

Sie, die im ehrnen Busen niemals fühlten

Die Schrecken der Religion,

Und Gottgeschaffne, bessre Menschen hielten

Für Vieh, bestimmt zur Fron;

 

Die das Gewissen, jenen mächt’gen Kläger,

Der alle Schulden niederschreibt,

Durch Trommelschlag, durch welsche Trillerschläger

Und Jagdlärm übertäubt;

 

Die Hunde nur und Pferd’ und fremde Dirnen

Mit Gnade lohnten, und Genie

Und Weisheit darben ließen; denn das Zürnen

Der Geister schreckte sie.

 

Die hegen nun in dieser Schauergrotte

Mit Staub und Würmern zugedeckt,

So stumm! so ruhmlos! noch von keinem Gotte

Ins Leben aufgeweckt.

 

Weckt sie nur nicht mit eurem bangen Ächzen

Ihr Scharen, die sie arm gemacht,

Verscheucht die Raben, daß von ihrem Krächzen

Kein Wütrich hier erwacht!

 

Hier klatsche nicht des armen Landmanns Peitsche,

Die Nachts das Wild vom Acker scheucht!

An diesem Gitter weile nicht der Deutsche,

Der siech vorüberkeucht!

 

Hier heule nicht der bleiche Waisenknabe,

Dem ein Tyrann den Vater nahm;

Nie fluche hier der Krüppel an dem Stabe,

Von fremdem Solde lahm.

 

Damit die Quäler nicht – zu früh erwachen,

Seid menschlicher, erweckt sie nicht.

Ha! Früh genug wird ihnen krachen

Der Donner am Gericht.

 

Wo Todesengel nach Tyrannen greifen,

Wenn sie im Grimm der Richter weckt,

Und ihre Gräul zu einem Berge häufen,

Der flammend sie bedeckt.

 

Ihr aber, bessre Fürsten, schlummert süße

Im Nachtgewölbe dieser Gruft!

Schon wandelt euer Geist im Paradiese,

Gehüllt in Blütenduft.

 

Jauchzt nur entgegen jenem großen Tage,

Der aller Fürsten Taten wiegt,

Wie Sternenklang tönt euch des Richters Wage,

Drauf eure Tugend liegt.

 

Ach, unterm Lispel eurer frohen Brüder

Ihr habt sie satt und froh gemacht,

Wird eure volle Schale sinken nieder,

Wenn ihr zum Lohn erwacht.

 

Wie wird’s euch sein, wenn ihr vom Sonnenthrone

Des Richters Stimme wandeln hört:

»Ihr Brüder, nehmt auf ewig hin die Krone,

Ihr seid zu herrschen wert.«

 

(1780)

 

 

 

 

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg

Der Felsenstrom

 

Unsterblicher Jüngling!

Du strömest hervor

Aus der Felsenkluft!

Kein Sterblicher sah

Die Wiege des Starken!

Es hörte kein Ohr

Das lallende Rieseln im werdenden Quell!

 

Wie bist du so schön

In silbernen Locken!

Wie bist du so furchtbar

Im Donner der hallenden Felsen umher!

 

Dir zittert die Tanne!

Du stürzest die Tanne

Mit Wurzel und Haupt!

Dich fliehen die Felsen!

Du haschest die Felsen,

Und wälzest sie spottend wie Kiesel dahin!

 

Dich kleidet die Sonne

In Strahlen des Ruhms!

Sie malet mit Farben des himmlischen Bogens

Die schwebenden Wolken der stäubenden Flut.

 

Was eilst du hinab

Zum grünlichen See?

Ist dir nicht wohl beim näheren Himmel?

Nicht wohl im hallenden Felsen?

Nicht wohl im hangenden Eichengebüsch?

O eile nicht so

Zum grünlichen See!

Jüngling! du bist noch stark wie ein Gott!

Frei wie ein Gott!

 

Zwar schmeichelt dir unten die ruhende Stille,

Die bebende Wallung des schweigenden Sees,

Bald silbern vom schwimmenden Monde,

Bald golden und rot vom westlichen Strahl.

 

O Jüngling! was ist die seidene Ruhe,

Was ist das Lächeln des freundlichen Mondes,

Der Abendsonne Purpur und Gold,

Dem, der in Banden der Knechtschaft sich fühlt?

 

Noch strömest du wild,

Wie dein Herz gebeut!

Dort unten herrschen oft ändernde Winde,

Oft Stille des Todes im dienstbaren See!

 

O eile nicht so

Zum grünlichen See!

Jüngling! du bist noch stark wie ein Gott!

Frei wie ein Gott!

 

(1775)

 

 

 

 

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg

Die Freiheit

 

Freiheit! Der Höfling kennt den Gedanken nicht,

Sklave! Die Kette rasselt ihm Silberton!

Gebeugt das Knie, gebeugt die Seele,

Reicht er dem Joche den feigen Nacken.

 

Mir ein erhabener, schauergebärender

Wonne-Gedanke! Freiheit! ich fühle dich!

Das ganze Herz, von dir erfüllet,

Strömet in voller Empfindung über.

 

Wer für die Freiheit, wer für das Vaterland

Mutig den Arm hebt, leuchtet im Blute wie

Der Blitz des Nachtsturms; der Gefahren

Trübt ihm nicht eine die heitre Stirne.

 

Namen, mir festlich wie ein Triumphgesang.

Brutus! Tell! Hermann! Cato! Timoleon!

Im Herzen deß, dem freie Seele

Gott gab, mit Flammenschrift eingegraben.

 

(1770)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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