Ernst Blass

Der Nervenschwache

 

Mit einer Stirn, die Traum und Angst zerfraßen,
Mit einem Körper, der verzweifelt hängt
An einem Seile, das ein Teufel schwenkt,
– So läuft er durch die langen Großstadtstraßen.

 

Verschweinte Kerle, die die Straße kehren,
Verkohlen ihn; schon grölt er arienhaft:
»Ja, ja – ja, ja! Die Leute haben Kraft!
Mir wird ja nie, ja nie ein Weib gebären

 

Mir je ein Kind!« Der Mond liegt wie ein Schleim
Auf ungeheuer nachtendem Velours.
Die Sterne zucken zart wie Embryos
An einer unsichtbaren Nabelschnur.

 

Die Dirnen züngeln im geschloßnen Munde,
Die Dirnen, die ihn welkend weich umwerben.
Ihn ängsten Darmverschlingung, Schmerzen, Sterben,
Zuhältermesser und die großen Hunde.

 

(1912)

 

 

 

 

Ernst Blass

Kreuzberg I

 

Blaßmond hat Hall und Dinge grau geschminkt.
Das Wundern lernte selbst der karge Greis,
Der unten, auf der Bank, im engsten Kreis
Vor sich den mageren Spazierstock schwingt.

 

Da liegt die große Stadt: schwer, grau und weiß.
Ein Rauchen, Greifen, Atmen, daß es stinkt.
Eh sie dem heil’gen Tag das Dunkle wild entringt,
Erwachen Nerventräume, blaß und heiß.

 

Fort mit dem süßen Blick! Fort mit dem Kusse!
Hörst du die roten Nacht- und Not-Alarme?
Die heißen, blassen Träume sind verstreut.

 

Mir stehen riesige liebes-, hasseswarme
Gebäude zu durchwandern weit bereit.
Da unten rollen meine Autobusse!

 

(1912)

 

 

 

 

Paul Boldt

Auf der Terrasse des Café Josty

 

Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll
Vergletschert alle hallenden Lawinen
Der Straßentrakte: Trams auf Eisenschienen,
Automobile und den Menschenmüll.

Die Menschen rinnen über den Asphalt,
Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.
Stirne und Hände, von Gedanken blink,
Schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald.

Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,
Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen
Und lila Quallen liegen – bunte Öle;

Die mehren sich, zerschnitten von den Wagen. –
Aufspritzt Berlin, des Tages glitzernd Nest,

Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest.

 

(1912)

 

 

 

 

Paul Boldt

Friedrichstraßendirnen

 

Sie liegen immer in den Nebengassen,
Wie Fischerschuten gleich und gleich getakelt,
Vom Blick befühlt und kennerisch bemakelt,
Indes sie sich wie Schwäne schwimmen lassen.

Im Strom der Menge, auf des Fisches Route.
Ein Glatzkopf äugt, ein Rotaug’ spürt Tortur,
Da schießt ein Grünling vor, hängt an der Schnur
Und schnellt an Deck einer bemalten Schute,

Gespannt von Wollust wie ein Projektil!
Die reißen sie aus ihm wie Eingeweide,
Gleich groben Küchenfrauen ohne viel

Von Sentiment. Dann rüsten sie schon wieder
Den neuen Fang. Sie schnallen sich in Seide
Und steigen ernst mit ihrem Lächeln nieder.

 

(1914)

 

 

 

 

Joseph von Eichendorff

In Danzig

 

Dunkle Giebel, hohe Fenster,

Türme tief aus Nebeln sehn,

Bleiche Statuen wie Gespenster

Lautlos an den Türen stehn.

 

Träumerisch der Mond drauf scheinet,

Dem die Stadt gar wohl gefällt,

Als läge zauberhaft versteinet

Drunten eine Märchenwelt.

 

Ringsher durch das tiefe Lauschen,

Über alle Häuser weit,

Nur des Meeres fernes Rauschen –

Wunderbare Einsamkeit!

 

Und der Türmer wie vor Jahren

Singet ein uraltes Lied:

Wolle Gott den Schiffer wahren,

Der bei Nacht vorüberzieht!

 

(1842)

 

 

 

 

Gerrit Engelke

Die Fabrik

 

Düster, breit, kahl und eckig

Liegt im armen Vorort die Fabrik.

Zuckend schwillt, schrill und brutal

Aus den Toren Maschinen-Musik.

 

Schlot und Rohr, Schlot und Schlot,

heißdurchkochtes Turmgestein,

speien dickes Qualmgewölk

über traurigstarre Häuser, Straßenkot.

 

Tausend Mann, Schicht um Schicht,

saugt die laute Arbeitshölle auf.

Zwingt sie all in harte Pflicht

Stunde um Stunde.

 

Bis der Pfiff heiser gellt:

Aus offnem Tore strömen dann

Mädchen, Frauen, Mann und Mann –

Blasses Volk – müde – verquält –

 

Schläft der Ort –: glüh und grell

Schreit aus hundert Fenstern Licht!

Kraftgesumm, Rädersausen, Qualm durchbricht

Roh und dumpf die Nacht –

 

Tag und Nacht: Lärm und Dampf,

Immer Arbeit, immer Kampf:

Unerbittlich schröpft das Moloch-Haus

Stahl und Mensch und Menschen aus.

 

(1921)

 

 

 

 

Gerrit Engelke

Ich will heraus aus dieser Stadt

 

Ich weiß, daß Berge auf mich warten,
Draußen – weit –
Und Wald und Winterfeld und Wiesengarten

Voll Gotteinsamkeit –

 

Weiß, daß für mich ein Wind durch Wälder dringt,
So lange schon –
Daß Schnee fällt, daß der Mond nachtleise singt

Den Ewig-Ton –

 

Fühle, daß nachts Wolken schwellen,
Bäume,
Daß Ebenen, Gebirge wellen

In meine Träume –

 

Die Winterberge, meine Berge tönen –
Wälder sind verschneit –
Ich will hinaus, mit Euch mich zu versöhnen,

Ich will heraus aus dieser Zeit,

 

Hinweg von Märkten, Zimmern, Treppenstufen,
Straßenbraus –
Die Waldberge, die Waldberge rufen,
Locken mich hinaus!

 

Bald hab ich diese Straßenwochen,
Bald diesen Stadtbann aufgebrochen
Und ziehe hin, wo Ströme durch die Ewig-Erde pochen,
Ziehe selig in die Welt!

 

(1921)

 

 

 

 

Gerrit Engelke

Stadt

 

Zehntausend starre Blöcke sind im Tal errichtet,
Aus: Stein auf Stein um Holz- und Eisenroste hochgeschichtet;
Und Block an Block zu einem Berg gedrückt,
Von Dampfrohr, Turm und Bahn noch überbrückt,
Von Draht, der Netz an Netze spinnt.
Der Berg, von vielen Furchen tief durchwühlt:
Das ist das große Labyrinth,
Dadurch das Schicksal Mensch um Menschen spült.

 

Fünfhunderttausend rollt im Kreis das große Leben
Durch alle Rinnen fort und fort in ungeheurem Streben:
In Kaufhaus, Werkstatt, Saal und Bahnhofshalle,
In Schule, Park, am Promenadenwalle,
Im Fahrstuhlschacht, im Bau am Kran,
Treppauf und ab, durch Straßen über Plätze,
Auf Wagen, Rad und Straßenbahn:
Da schäumt des Menschenstrudels wirre Hetze.

 

Fünfhunderttausend Menschen rollt das große Leben
Durch alle Rinnen fort und fort in ungeheurem Streben.
Und karrt der Tod auch Hundert täglich fort,
Es braust der Lärm wie sonst an jedem Ort.
Schleppt er vom Hammer-Block den Schmied,
Schleppt er vom Kurven-Gleis den Wagenleiter:
Noch stärker brüllt das Straßenlied:
Der Wagen fährt – der Hammer dröhnt weiter.

 

(1921)

 

 

 

 

Max Haushofer

Die Großstadt bei Nacht

 

Was schreist du mir zu, Millionenstadt,
aus deinen verworrenen Straßen?
Bist hungrig oder bist du satt?
Willst grollen oder spaßen?
Es flimmert elektrische Lichterflut
durch deine Gassen und Plätze.
Millionenstadt, das steht dir gut,
du alte, gefährliche Metze!
Ich kenne dich schon, wie gefräßig du bist!
Deinem Lande entsaugst du sein Bestes!
Ziehst alles an dich mit Gewalt und List
und dem Glanz unaufhörlichen Festes!
Deine Winkel, die sind aller Sünden voll,
und tausend Gesichter vereinst du!
Bald branntweintrunken, bald liebestoll,
bald jauchzest du, bald weinst du!
Verzweiflung durchwandert jede Nacht
deine verfluchtesten Schwellen
und drängt von deinen Brücken sacht
ihre Opfer in Stromeswellen!
Versuchung durchwandert Tag für Tag
deine Höhlen und deine Paläste
und bringt zu deinem Prunkgelag
Diebstahl und Mord als Gäste.
Dein Herz ist grausam und wieder mild –
dein Auge voller Hoheit und Tücke!
Durch deine Adern fiebert wild
die Hetzjagd nach dem Glücke.
Dein Mund ist heiß und nimmersatt,
deine Arme, sie rudern und ringen –
du große, finstre Millionenstadt,
was willst du noch alles verschlingen?

 

(o.J.)

 

 

 

 

Karl henckell

Straßenbild

 

Sieh dort die zwei! Er spielt die Flöte,
und woll’ne Strümpfe strickt sein Weib,
im Korbe ruhn zwei Dreierbröte
zur Nahrung für den siechen Leib.
Flütüh, flütüh! – »Wer gibt ’nen Groschen?«
Die Flöte lockt so flehend süß.
»Ihr steckt ja in den Glücksgaloschen.
euch ist die Welt ein Paradies.«
Flütüh, flütüh – schon humpelt weiter
das eheliche Bettlerpaar,
ein Einziger ist ihr Begleiter,
treu bis zum Tode, Jahr für Jahr.
Sein Blick ist hohl, sein Gang gebrochen,
von Schwären sein Gesicht entstellt,
er nagt an einem kahlen Knochen
und heißt – das Elend dieser Welt.

 

(1903)

 

 

 

 

Georg Heym

Der Gott der Stadt

 

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.

Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.

Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit

Die letzten Häuser in das Land verirrn.

 

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,

Die großen Städte knien um ihn her.

Der Kirchenglocken ungeheure Zahl

Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

 

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik

Der Millionen durch die Straßen laut.

Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik

Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

 

Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.

Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.

Die Stürme flattern, die wie Geier schauen

Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

 

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.

Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt

Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust

Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.

 

(1911)

 

 

 

 

georg Heym

Die Stadt

 

Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein

Zerreißet vor des Mondes Untergang.

Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang

Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.

 

Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt,

Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.

Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein

Eintönig kommt heraus in Stille matt.

 

Gebären, Tod, gewirktes Einerlei,

Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei,

Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.

 

Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand,

Die drohn im Weiten mit gezückter Hand

Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.

 

(1911)

 

 

 

 

Arno Holz

Auf der Straße

 

Er küßte den Laternenpfahl

Und hielt ihn fest umschlungen,

Und um ihn freute der Skandal

Ein Rudel Straßenjungen.

 

Erst seinen Wochenlohn verschnapst

In räuchriger Spelunke

Und dann verkatert und verflapst

Und voll wie eine Unke!

 

Rotangepinselten Gesichts,

Ein Don Juan der Posse

So bettelte der Taugenichts

Sich schließlich in die Gosse.

 

Da fiel mir ein ein bittrer Scherz,

Das Wort, das euch bekannt ist:

Der Wein erfreut des Menschen Herz –

Zumal wenn er gebrannt ist!

 

(1886)

 

 

 

 

Arno Holz

Ein andres

 

Fünf wurmzernagte Stiegen geht’s hinauf
Ins letzte Stockwerk einer Mietskaserne;
Hier hält der Nordwind sich am liebsten auf,
Und durch das Dachwerk schaun des Himmels Sterne.
Was sie erspähn, o, es ist grad genug,
Um mit dem Elend brüderlich zu weinen:
Ein Stückchen Schwarzbrot und ein Wasserkrug,
Ein Werktisch und ein Schemel mit drei Beinen.

 

Das Fenster ist vernagelt durch ein Brett,
Und doch durchpfeift der Wind es hin und wieder,
Und dort auf jenem strohgestopften Bett
Liegt fieberkrank ein junges Weib darnieder.
Drei kleine Kinder stehn um sie herum,
Die stieren Blicks an ihren Zügen hangen;
Vor vielem Weinen ward ihr Mündlein stumm
Und keine Träne mehr netzt ihre Wangen.

 

Ein Stümpfchen Talglicht gibt nur trüben Schein,
Doch horch, es klopft, was mag das nur bedeuten?
Es klopft und durch die Tür tritt nun herein
Ein junger Herr, geführt von Nachbarsleuten.
Der Armenhilfsarzt ist’s aus dem Revier,
Den sie geholt aus Mitleid mit der Kranken,
Indes ihr Mann bei Branntwein oder Bier
Sich selbst betäubt und seine Wutgedanken.

 

Der junge Doktor aber nimmt das Licht
Und tritt mit ihm ans Bett des armen Weibes;
Doch gelb wie Wachs und spitz ist ihr Gesicht
Und kalt und starr die Glieder ihres Leibes.
Da schluchzt sein Herz, indes das Licht verkohlt,
Von nie gekannter Wehmut überschlichen:

Weint Kinder weint, ich bin zu spät geholt,
Denn eure Mutter ist bereits – verblichen!

 

(1886)

 

 

 

 

Georg Latz

Das Muttererbe

 

Sie ging tagaus, sie ging tagein

genau dasselbe Endchen;

ihr kleines blondes Töchterlein,

das hatte sie am Händchen.

 

Sie lernte auf dem ständ’gen Gang

verschied’ne Herren kennen;

die Kleine mußte durch die Bank

sie alle »Onkel« nennen.

 

Mama und Tochter wurden da
natürlich immer älter.
Und mit der Zeit ließ die Mama
die Onkels immer kälter.

 

Und die Mama blieb jetzt zuhaus
und sprach – Vertrauen hegend –
»Jeh, Mieze, jetzt alleene aus,
du kennst ja meene Jejend.«

 

Dann ging tagaus, dann ging tagein
genau dasselbe Endchen
das aufgeblühte Töchterlein,
den Engelhorn in Händchen.

 

Und wenn es einen Onkel sah,
dann sprach’s, auch ungebeten,
»Ick habe jetz’ von die Mama
die Erbschaft anjetreten.«

 

(1903)

 

 

 

 

Heinrich Lersch

Gang durch die Zechenkolonie

 

Zweistockhäuser, kaum erbaut, schon alt,
Mehr vom Schmutze als von Farben bunt,
Und die schwarzen Dächer drücken, drücken
Sie noch tiefer in den Grund.

Baum und Strauchwerk, kaum ergrünt, schon falb
Mehr von Dürre als von Früchten schwer.
Auf den Beeten krankes Blattgemüse,
Ein verdorrter Rosenstock sticht blätterleer.

Kinder spielen: »Hier ist mein Land, dein Land!«
Eine kleine Rotte feiert groß den Sieg;
Die Gefangnen werden auf die Knie gezwungen.
Wieder weiter geht der Kinderkrieg.

Eine Frau, nacktarmig, schweißgesichtig,
Gießt vor mir die Seifenlauge aus.
Mit dem schweren Arbeitszeug behangen
Trennen Wäschedrähte Haus um Haus.

Jungens stürmen an: »Die Ausgesperrten
Kommen!« Aus den Häusern rasch hervor
Frauen, Greise, Kinder. Fahnen wehen,
Marschtritt. Aus dem Zechentor.

Bergleute in Kolonnen, alt und jung,
Gestraffte und Gedrückte, sorgenschwer.
Hinter ihnen wird das Tor geschlossen.
Wieder liegt die Straße still und leer.

 

Zweistockhäuser, kaum erbaut, schon alt,
Mehr vom Schmutze als von Farben bunt,
Und die schwarzen Dächer drücken, drücken
Sie noch tiefer in den Grund.

 

(1934)

 

 

 

 

Alfred Lichtenstein

Erotisches Variéte

 

Auf offner Straße in der Nacht
Entkleidet sich ein Kneipenwirt.
Ein Ingenieur ist aufgebracht,
Der sich bei seinem Weib verirrt.

 

Nach gleichgesinnten Viechern schielt
Ein homosexueller Hund.
Ein Greis, der mit sich selber spielt,
Merkt: Allzuviel ist ungesund.

 

In schmutzig grüner Tunke hockt
Ein blauer Syphilitiker.
Ein Boxer bebt. Ein Baby bockt.
Verstiert fault ein Zylinderherr.

 

Ein Auto bringt ein Fräulein um.
Ein Junge bricht ein Mädchen an.
Verbittert ist ein Mensch. Warum?
Weil er nicht coitieren kann.

 

(1913)

 

 

 

 

Alfred Lichtenstein

Die Dämmerung

 

Ein dicker Junge spielt mit einem Teich.

Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.

Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,

Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.

 

Auf langen Krücken schief herabgebückt

Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.

Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt.

Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.

 

An einem Fenster klebt ein fetter Mann.

Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.

Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.

Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.

 

(1911)

 

 

 

 

Alfred Lichtenstein

Die Stadt

 

Ein weißer Vogel ist der große Himmel.
Hart unter ihn geduckt stiert eine Stadt.
Die Häuser sind halbtote alte Leute.

 

Griesgrämig glotzt ein dünner Droschkenschimmel.
Und Winde, magre Hunde, rennen matt.
An scharfen Ecken quietschen ihre Häute.

 

In einer Straße stöhnt ein Irrer: Du, ach, du –
Wenn ich dich endlich, o Geliebte, fände …
Ein Haufen um ihn staunt und grinst voll Spott.

 

Drei kleine Menschen spielen Blindekuh –
Auf alles legt die grauen Puderhände
Der Nachmittag, ein sanft verweinter Gott.

 

(1913)

 

 

 

 

oskar Loerke

Blauer Abend in Berlin

 

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;

Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen

Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.

Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

 

Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen

Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.

Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,

Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

 

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.

Wie eines Wassers Bodensatz und Tand

Regt sie des Wassers Wille und Verstand

 

Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.

Die Menschen sind wie grober Sand

Im linden Spiel der großen Wellenhand.

 

(1911)

 

 

 

 

OSKAR LOERKE

Der steinerne Wabenbau

 

Gewölk wie schwefelgelbe Leichentücher

Mit einem Schein von Blut wirft sich und flattert,

Doch läßts die Stadt, die es in sich gewickelt,

Nicht los. Die Tücherzipfel klatschen auf

Die Türme. Unten irgendwo im Leeren

Steht kalter Wind und bläst ins tote Bündel.

Und ganz Berlin ist schwefelgelb getüncht

Mit einem Schein von Blut …

 

Ich träume wach in finstrem Mauerkäfig,

Mir öffnet sich das Hinterhaus … ich sehe:

Da liegt der Wabenbau aus Ziegelstein,

Schwermütiger, je weiter er sich reckt.

Und tausend Jahre älter scheint die Stadt,

Denn, was in tausend Jahren wird, ist heut.

 

Die Straßen sind im Leib der Stadt wie Sprünge

Und Risse des Verfalls, wie Säbelhiebe,

Die kreuz und quer der plumpe Geist der Stadt

Dem eignen Körper schlug, der Straßen Bäume

Sind Gras und Unkraut, in den Spalten wuchernd.

Noch wehn wir durch die Waben wie ein Schrei,

Der fensterein und wieder fensteraus fährt,

Mit unsrem kleinen Leben. Zeugen, Sterben

Gärt schal im Summen mit, das wie ein Schwärmen

Von Leichenkäfern im Kadaver braust.

 

Der Säle und der Kammern Waben bröckeln,

Schon blättern von den Zellen die Tapeten,

Die Teppiche zermürben auf den Dielen,

Und aller fremden Lande Schätze fahren

In dieser Tausendjahrminute aus,

So laut, so leis wie Töne eines Tanzes,

Den sich der Geist der Stadt mit großen Tatzen

Auf Dächern wie auf dunklen Tasten spielt.

Der Wind der Zeiten bläst als Blasebalg.

Der Wind?

 

… es bläst. Es ist ein kleiner Wind,

Er fährt in meine Hinterstube, lischt

Die Schemen aus. Die Mauern schließen sich.

Ach, ich bin heut die dumpfe Lebensschwermut

Der vielen tausend Zellen dieses Steinleibs.

Ich gleiche wohl dem schwefelfahlen Licht

Mit einem Schein von Blut … ich gleiche mehr

Dem Wolkentuch, das allzuschwere Bürde

In seinen Nebel nimmt, doch nimmer trägt.

 

(1911)

 

 

 

 

Ernst Wilhelm Lotz

Da sind die Straßen …

 

Da sind die Straßen weit und Licht-durchschrieen,
hoch wölkt der Staub und breitet aus den Schein,
durch den gehetzt Kolonnen Wagen fliehen
in violette Dunkelheit hinein.

Und Menschen, massenhaft und schwarz, durchstürmen
die Straßen, vorgebeugt und frongebannt.
Und Feierabend läutet von den Türmen
der Stadt, verloren, hoch und unerkannt.

Lärm stößt an Lärm. Schmerzhelle Klingeln schellen,
zersägend das Gehör. Wagen mit Eisen
erschüttern. Die Elektrische mit grellen
Schleiftönen nimmt die Kurve in den Gleisen.

Und meiner Nerven Netz, so fein besaitet,
drin Perlen hängen aus dem ewigen Meer:
es ist als Teppich in den Staub gebreitet,
und gräßlich wälzt der Tag sich drüberher.

 

(1913)

 

 

 

 

Ernst Wilhelm Lotz

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen …

 

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,

Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,

Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht

Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.

 

Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,

Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,

Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,

Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.

 

Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,

Es müßten Pantherinnen sein, gefährlich zart,

In einem wild gekochten Fieberland geboren.

Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.

 

Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.

Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.

Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen.

Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.

 

(1917)

 

 

 

 

Emil Nicolai

Straßenbild

 

Ein Menschenhauf – ein Schutzmann – und ein Karren

Und auf dem Karren ein betrunk’nes Weib.

Notdürft’ge Kleidung deckt den magern Leib –

Die Nase spitz, wie eines Giebels Sparren.

 

Die Menge gafft – und tut der Dinge harren,

die sich entwickeln ihr zum Zeitvertreib. –

Und mancher Schimpf trifft das betrunk’ne Weib,

des Augen glasig in die Leere starren.

 

Sie griff zur Flasche in des Lebens Not,

als ihr das Herz umkrallt der Ohmacht Gram;

die Kinder weinten: »Mutter! – Hunger! – Brot!«

 

Nun deckt die blassen Wangen brennend Rot

Wie in des Unglücks unbewußter Scham –

Der Karren rollt. Ein Opfer – lebend tot.

 

(1910)

 

 

 

 

Friedrich Nietzsche

Venedig

 

An der Brücke stand

Jüngst ich in brauner Nacht.

Fernher kam Gesang:

Goldener Tropfen quoll’s

Über die zitternde Fläche weg.

Gondeln, Lichter, Musik –

Trunken schwamm’s in die Dämmerung hinaus …

 

Meine Seele, ein Saitenspiel,

Sang sich, unsichtbar berührt,

Heimlich ein Gondellied dazu,

Zitternd vor bunter Seligkeit.

– Hörte jemand ihr zu? …

 

(1888)

 

 

 

 

Alfons Petzold

Großstadt

 

Plakate schmettern ihre buntfarbigen Phrasen
in das Gewühle der Menschen und Wagen hinein.
Die Stahlelephanten der Automobile rasen
alles tönt: Gerüste, Schienen, verblocktes Gestein.

Die granitenen Würfel der Gassen, Straßen und Plätze
silbrig wie Augen eines Insektes glühn,
indes in der Höhe die Telegraphendrahtnetze
bös funkeln und Trotz in die Sonne sprühn.

Schauläden prunken, gleich aufgerissenen Höhlen,
schütten den Glanz ihrer Schätze in Hirn und Herz.
Vorwärts! Dröhnt es aus dem Knattern und Grölen,
Vorwärts! schreit alles, kein Auge blickt himmelwärts.

 

(1919)

 

 

 

 

Johannes Trojan

Das Großstadtkind

 

Du armes Kind, du tust mir leid,
Ich seh dich traurig an.
Was bringt für dich die Sommerszeit,
Das dich erfreuen kann?
Dich lockt umsonst der junge Tag
Hinaus in Tau und Licht;
Du kennst im Wald den Erdbeerschlag,
Die Brombeerhecke nicht.
Du tauchest nie die Füßchen ein
In silberklaren Bach;
Du jagst nicht auf dem bunten Rain
Den Schmetterlingen nach.
Du siehst es nicht, wie unser Brot
Der Ackersmann gewinnt;
Dir färben nicht die Wänglein rot
Die Sonne und der Wind.
Wenn rote Rosen trägt der Dorn,
Nicht eine pflückest du;
Du gehst nicht durch das hohe Dorn
Und hörst den Lerchen zu.
Du siehst das Schilf nicht flüsternd stehn
Bei sanfter Lüfte Hauch;
Du hast gewiß noch nie gesehn
Das Vogelnest im Strauch.
Dir macht nicht seinen Zauber kund
Der Lenz im Sonnenglanz;
Du brichst nicht auf dem Wiesengrund
Maßliebchen dir zum Kranz.
Bejammernswert erscheinst du mir,
Ich säh dich nur mit Schmerz,
Hätt Gott nicht doch den Frühling dir
Hineingelegt ins Herz.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Friedrich Wilhelm Wagner

Café in deutscher Stadt

 

Ein Kellnerfrack. Der Demut feile Geste
Geduckt ein Dichter nachsinnt neuer Pose.
Der feiste Wirt, in sehr befleckter Hose,
Breit grinsend grüßt die vornehmeren Gäste.

Ein Pikkolo verstummt vor schmalen Frauen.
Er starrt verstört. Die Geigen gurren geil.
Bebauchte Bürger, stämmig, steif und steil,
Glotzblickig blöde, dösen und verdauen.

Kokotten lächeln – sündeseliger Segen.
Sehr provozierend wirken neben fetten
Profitvisagen protzig Epauletten,
Verwelkte Weiber wonnig zu bewegen.

Der Dichter döst. Das Dudeln macht ihn dumm.
Ein grauer Greis sielt sich in Dreckjournalen.
Ein rauher Ruf zerreißt den Raum: »Bezahlen!«
Der Dichter geht. Sehr langsam, träge, krumm.

 

(1920)

 

 

 

 

Friedrich Wilhelm Wagner

Sommertag

 

Die Sommersonne foltert fürchterlich
Den lahmen Leib. Kein Wind bewegt die Schwüle.
Der Asphalt stinkt. Es faulen die Gefühle.
Ein Droschkengaul verreckt am Sonnenstich.

Lustmörder lauern. Haften hart und heiß
Ist eine Mädchenhand und macht ermatten.
Die kleinen Huren blühen blaß. Im Schatten
Steht statuenstarr ein blinder Bettelgreis.

Und von des Lebens fadem Einerlei
Gelangweilt döst auf schattigem Balkone
Und lauscht dem Lärm entfernter Grammophone
Ein fetter, fauler Papagei.

 

(1920)

 

 

 

 

Franz Werfel

Der rechte Weg

(Traum)

 

Ich bin in eine große Stadt gekommen.

Vom Riesenbahnhof trat den Weg ich an,

Besah Museen, Plätze, habe dann

Behaglich eine Rundfahrt unternommen.

 

Den Straßenstrom bin ich herabgeschwommen

Und badete im Tag, der reizend rann.

Da! Schon so spät!? Ich fahre aus dem Bann.

Herrgott, mein Zug! Die Stadt ist grell erglommen.

 

Verwandelt alles! Tausend Auto jagen,

Und keines hält. Zweideutige Auskunft nur

Im Ohr durchkeuch’ ich das Verkehrs-Gewirre.

 

Der Bahnhof?! Wo?! Gespenstisch summt mein Fragen.

Die Straßen blitzen, endlos, Schnur um Schnur,

Und alle führen, alle, in die Irre.

 

(1911)

 

 

 

 

Bruno wille

Straße

 

An düster ragenden Häuserwällen

Durch flammenbesäte steinerne Schlucht

Branden die rasselnden Wagen, die Menschen –

Wie Wellen in klippiger Meeresbucht –

Der rote Vollmond taucht empor.

 

Die Menge wühlt und drängt und stößt;

Jedweden kümmert nur seine Not –

Wie auf dem Deck des lecken Schiffes,

Das in den Tod zu sinken droht –

Der rote Mond schaut düster drein.

 

Auf glattem Bürgersteige kauert –

Gleichwie am Felsenriff das Wrack –

Ein Mann mit vorgesunknem Kopfe,

Zur Seite einen Lumpensack –

Der Vollmond blickt mit düstrer Glut.

 

Die Leute auf dem Bürgersteige

Treiben vorbei und blicken kalt;

Die Straßenbahn beglotzt im Rollen

Mit grünem Auge die Gestalt –

Der rote Mond schaut düster drein.

 

Dort drüben lockt die blutige Flamme

Dem Schnapswirt manchen Gast ins Haus;

Und öffnet sich die Schänke dunstig,

Dringt Schelten und Gejohl heraus –

Der Vollmond blickt mit düstrer Glut.

 

Des Handelshauses Fensterreihe

Ist noch vom Gaslicht grell erhellt;

Papier und Pult und blasse Schreiber;

Der Chef durchzählt des Tages Geld –

Der Vollmond blickt mit düstrer Glut.

 

Nun heult vom Hofe die Maschine

Zur Vesper; da entläßt das Tor

Viel arbeitsmatte Blusenmänner;

Nur der Fabrikschlot stößt empor

Zum roten Monde schwarzen Rauch.

 

Ein würdiger Bürger kommt geschritten,

Den Lump am Steige trifft sein Blick;

Entrüstet mit dem Kopfe schüttelnd

Geht er zu Bier und Politik –

Und zornrot glüht der volle Mond.

 

(1890)

 

 

 

 

Alfred Wolfenstein

Krankes Wohnen

Dieses Gehen im trüben Tunnel der Straße …
Bleiche Fenster spielen an mir vorbei.
Oben des kleinen Himmels Einerlei
Wirft in die Scheiben ein schiefes Lachen.

Trocken kreischt die hündisch liegende Straße,
Die mein Fuß in Unruh und Haß gebraucht.
Niedre Luft, von Stadtgerüchen durchraucht,
Speit auf meine Stirn aus pfeifenden Rachen.

Gähnend endet die Straße.
Und die zuckenden Lippen atmen ins Freie hinaus,
Wo sich warm der Tiefe Grün und goldene Hoheit umfängt …!
Doch ich werde mich wenden … dumpf gedrängt
In der Gewalt der Häuser bin ich zu Haus.

 

 

(1913)

 

 

 

 

Alfred Wolfenstein

Stadtnachmittag

 

Über den Himmel, in Straßen

Zerschnitten, fahren

Die Winde wie rostige Wagen,

Sie schrillen herab und ziehn in die Rahmen

Der Fenster, verstümmelt.

 

Aus Käfigen wimmern

Wie aus längst gehauenen Wäldern

Die Vögel, schon eckig und hohl gleich Zimmern.

Papageien mit menschlichen Worten

Knacken den letzten Tiersang zu Trümmern.

 

Zurück in den Himmel schreien

Rasselnd in Blech gefesselte Reden,

Phonographen seihen

Brausende Leidenschaften der Menschen

Durch ihre Ritzen und Reihen.

 

Ein Kind mit flötender Stimme

Summt aus dem Keller unter meinem Stuhle . .

Augenblicke lang bricht die Stadt ins Knie

Wie vor einem blauen Donnerklang.

Und ich schwieg, als sie weiterschrie.

 

(1917)

 

 

 

 

Alfred Wolfenstein

Städter

 

Nah wie Löcher eines Siebes stehn

Fenster beieinander, drängend fassen

Häuser sich so dicht an, daß die Straßen

Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

 

Ineinander dicht hineingehakt

Sitzen in den Trams die zwei Fassaden

Leute, wo die Blicke eng ausladen

Und Begierde ineinander ragt.

 

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,

Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine,

Flüstern dringt hinüber wie Gegröle:

 

Und wie stumm in abgeschloßner Höhle

Unberührt an ungeschaut

Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.

 

(1914)

 

 

 

 

Paul zech

Fabrikstraße tags

 

Nichts als Mauern. Ohne Gras und Glas

zieht die Straße den gescheckten Gurt

der Fassaden. Keine Bahnspur surrt.

Immer glänzt das Pflaster wassernaß.

 

Streift ein Mensch dich, trifft dein Blick dich kalt

bis ins Mark; die harten Schritte haun

Feuer aus dem turmhoch steilen Zaun,

noch sein kurzes Atmen wolkt geballt.

 

Keine Zuchthauszelle klemmt

in ein Eis das Denken wie dies Gehn

zwischen Mauern, die nur sich besehn.

 

Trägst du Purpur oder Büßerhemd –:

immer drückt mit riesigem Gewicht

Gottes Bannfluch: uhrenlose Schicht.

 

(1922)

 
     

 

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