Margarete Beutler

Sonntagsmorgen

 

Sie lag auf den Stufen vom Kirchenportal –

nun endlich ein Schauer von Glück einmal,

 

nun endlich die Ruhe, die sie gesucht –

keine Kinder toben, kein Raufbold flucht.

 

Ein Heißes küßt sie, ein Sonnenschein –

da reißt eine Hand sie empor: Du Schwein,

 

Du verkommenes Stück, am Gotteshaus

schläfst du von schmutzigen Nächten aus?

 

Dann schüttelt ein Schutzmann sie hin und her –

sie bricht in die Kniee, schlaff und schwer.

 

Sie wimmert, ihr fällt das Tuch vom Kopf

es löst sich der winzige braune Zopf –

 

den mageren Hals umtanzt das Haar,

sie möchte schreien: Es ist nicht wahr!

 

Ein Leben lebt’ ich voll Durst und Qual,

heut griff ich zur Flasche – zum ersten Mal! –

 

Die Kehle ist ihr vom Branntwein wund –

es gurgelt und lallt nur der arme Mund.

 

Sie schleppen sie vorwärts – auf Schritt und Tritt

drängt eine johlende Rotte mit.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Margarete Beutler

Wiegenlied der roten Jule

 

Sauf, Karnickel! det macht Spaß!
Vata is een olles Aas
Raus den Poppen – lutsch man fest,
Wat er in der Pulle läßt!
                                   Sauf!

 

Brennt ’n bisken woll im Mund?
Macht nischt! Det is dir jesund!
Vata bricht mal det Jenick,
Denn wirst du der Jaljenstrick.
                                   Sauf!

 

Sieste, sowat kommt vom Suff!
Vata holte Kümmel ruff –
Hätt’ er mir nich anjeschmiert,
Wär mir sowat nicht passiert …
                                   Sauf!

 

Meinetwegen sauf dir jroß!
Biste jroß, denn schaffte bloß
Dir so ’n dicket Mädchen an,
Wat vor dir vadienen kann!
                                   Sauf!

 

Eene mit so rotes Haar,
Eene so wie Mutta war,
Weeste, denn die feinsten Herrn
Nehmen so ’ne Rote jern.
                                   Sauf!

 

Je! Wat trieb ick det mal doll!
Alle Nacht die Taschen voll!
Alle Nacht een janzet Chor –
Vata kooft sich Schnaps davor.
                                   Sauf!

 

Sauf, mein Engel, sauf dir tot –
Denn jeht Mutta aus nach Brot …
Nee, wat war die Schulzen dumm –
Brachte dir det Weib nich um!
                                   Sauf!

 

(1908)

 

 

 

 

Julius Hart

Auf der Fahrt nach Berlin

 

Von Westen kam ich, — schwerer Heideduft

Umfloß mich noch, vor meinen Augen hoben

Sich weiße Birken in die klare Luft,

Von lauten Schwärmen Krähenvolks umstoben,

Weit, weit die Heide, Hügel gelben Sands,

Und binsenüberwachsne Wasserkolke,

Fern zieht ein Schäfer in des Sonnenbrands

Braunglühendem Reich verträumt mit feinem Volke.

 

Von Westen kam ich und mein Geist umspann

Weichmütig rasch entschwundene Jugendtage,

Wares eine Träne, die vom Auge mir rann,

Klang es von dem Mund wie sehnsuchtsbange Klage? …

Von Westen kam ich und mein Geist entflog

Voran und weit in dunkle Zukunftstunden …

Wohl hob er mächtig sich, sein Flug war hoch,

Und Schlachten sah er, Drang und blutige Wunden.

 

Vorbei die Spiele, durch den Nebelschwall

Des grauenden Septembermorgens jagen

Des Zuges Räder, und vom dumpfen Schall

Stöhnt, dröhnt und saust im engen Eisenwagen …

Zerzauste Wolken, winddurchwühlter Wald

Und braune Felsen schießen wirr vorüber,

Dort graut die Havel, und das Wasser schwallt,

Die Brücke, hei! dumpf braust der Zug hinüber.

 

Die Fenster auf! Dort drüben liegt Berlin!

Dampf wallt empor und Qualm, in schwarzen Schleiern

Hängt tief und steif die Wolke drüber hin,

Die bleiche Luft drückt schwer und liegt wie bleiern ...

Ein Flammenherd darunter — ein Vulkan,

Von Millionen Feuerbränden lodernd, …

Ein Paradies, ein süßes Kanaan, —

Ein Höllenreich und Schatten bleich vermodernd.

 

Hindonnernd rollt der Zug! Es saust die Luft,

Ein anderer rast dumpfrasselnd rasch vorüber,

Fabriken rauchgeschwärzt, im Wasserduft

Glänzt Flamme um Flamme, düster, trübe und trüber,

Engbrüstige Häuser, Fenster schmal und klein,

Bald braust es dumpf durch dunkle Brückenbogen,

Bald blitzt es unter uns wie grauer Wasserschein,

Und unter Kähnen wandeln müde die Wogen.

Vorbei, vorüber! und ein geller Pfiff!

 

Weiß fliegt der Dampf, … ein Knirschen an den Schienen!

Die Bremse stöhnt laut unter starkem Griff …

Langsamer nun! Es glänzt in aller Mienen!

Glashallen über uns, rings Menschenwirren, …

Halt! Und »Berlin!« Hinaus aus engem Wagen!

 

»Berlin!« »Berlin!« Nun hoch die junge Stirn,

Ins wilde Leben laß dich mächtig tragen!

Berlin! Berlin! Die Menge drängt und wallt,

Wirst du versinken hier in dunklen Massen …

Und über dich hinschreitend stumm und kalt,

Wird niemand deine schwache Hand erfassen?

Du suchst — du suchst die Welt in dieser Flut,

Suchst glühende Rosen, grüne Lorbeerkronen, …

Schau dort hinaus! … Die Luft: durchquillt wie Blut,

Es brennt die Schlacht und niemand wird dich schonen.

Schau dort hinaus! Es flammt die Luft und glüht,

Horch Geigenton zu Tanz und üppigem Reigen!

Schau dort hinaus, der fahle Nebel sprüht,

 

Aus dem Gerippe nackt herniedersteigen …

Zusammen liegt hier Tod und Lebenslust,

Und Licht und Nebel in den langen Gassen

Nun zeuch hinab, so stolz und selbstbewußt,

Welch Spur willst du in diesen Fluten lassen?

 

(1885)

 

 

 

 

Arno Holz

Auf der Straße

 

Er küßte den Laternenpfahl

Und hielt ihn fest umschlungen,

Und um ihn freute der Skandal

Ein Rudel Straßenjungen.

 

Erst seinen Wochenlohn verschnapst

In räuchriger Spelunke

Und dann verkatert und verflapst

Und voll wie eine Unke!

 

Rotangepinselten Gesichts,

Ein Don Juan der Posse

So bettelte der Taugenichts

Sich schließlich in die Gosse.

 

Da fiel mir ein ein bittrer Scherz,

Das Wort, das euch bekannt ist:

Der Wein erfreut des Menschen Herz –

Zumal wenn er gebrannt ist!

 

(1886)

 

 

 

 

Arno Holz

Ein Bild

 

Zwei Rassen gibt’s, die eine wird mit Sporen, …

 

Aus Sandstein ist das gelbliche Portal,

Die roten Säulen aus Granit gehauen,

Und seitwärts in ein weißes Piedestal

Vergräbt ein Löwe seine Marmorklauen.

Doch schwarz verhängt sind alle Fenster heut

Und Lichter brennen nur im Erdgeschosse,

Der Straßendamm ist hoch mit Stroh bestreut

Und lautlos drüberhin rollt die Karosse.

 

Das Treppenhaus verteidigt der Portier

Und schüttelt grimmig seine graue Mähne,

Und naht gar einer aus der Haute volée,

Dann fletscht er zerberusgleich seine Zähne.

Im Prunksaal trauern hinter Flor und Taft

Die bunten Inderstoffe aus Lahore,

Auch schleicht die goldbetreßte Dienerschaft

Nur auf Spitzzehen durch die Korridore.

 

Der hochgeborne Hausherr, Exzellenz,

Schwankt wie ein Rohr umher auf bleicher Düne,

Die erste Redekraft des Parlaments

Fehlt heute abermals auf der Tribüne.

Zwar trat man gestern erst in den Etat,

Doch hat sein Fehlen diesmal gute Gründe:

Schon viermal war der greise Hausarzt da

Und meinte, daß es sehr bedenklich stünde.

 

Nach Eis und Himbeer wird gar oft geschellt,

Doch mäuschenstill ist es im Krankenzimmer,

Und seine düstre Teppichpracht erhellt

Nur einer Ampel rötliches Geflimmer.

Weit offen steht die Tür zum Vestibül

Und wie im Traum nur plätschert die Fontäne,

Die Luft umher ist wie gewitterschwül,

Denn ach, die gnädge Frau hat heut – Migräne!

 

(1886)

 

 

 

 

Arno Holz

Ein andres

 

Fünf wurmzernagte Stiegen geht’s hinauf
Ins letzte Stockwerk einer Mietskaserne;
Hier hält der Nordwind sich am liebsten auf,
Und durch das Dachwerk schaun des Himmels Sterne.
Was sie erspähn, o, es ist grad genug,
Um mit dem Elend brüderlich zu weinen:
Ein Stückchen Schwarzbrot und ein Wasserkrug,
Ein Werktisch und ein Schemel mit drei Beinen.

 

Das Fenster ist vernagelt durch ein Brett,
Und doch durchpfeift der Wind es hin und wieder,
Und dort auf jenem strohgestopften Bett
Liegt fieberkrank ein junges Weib darnieder.
Drei kleine Kinder stehn um sie herum,
Die stieren Blicks an ihren Zügen hangen;
Vor vielem Weinen ward ihr Mündlein stumm
Und keine Träne mehr netzt ihre Wangen.

 

Ein Stümpfchen Talglicht gibt nur trüben Schein,
Doch horch, es klopft, was mag das nur bedeuten?
Es klopft und durch die Tür tritt nun herein
Ein junger Herr, geführt von Nachbarsleuten.
Der Armenhilfsarzt ist’s aus dem Revier,
Den sie geholt aus Mitleid mit der Kranken,
Indes ihr Mann bei Branntwein oder Bier
Sich selbst betäubt und seine Wutgedanken.

 

Der junge Doktor aber nimmt das Licht
Und tritt mit ihm ans Bett des armen Weibes;
Doch gelb wie Wachs und spitz ist ihr Gesicht
Und kalt und starr die Glieder ihres Leibes.d

Da schluchzt sein Herz, indes das Licht verkohlt,
Von nie gekannter Wehmut überschlichen:
Weint Kinder weint, ich bin zu spät geholt,
Denn eure Mutter ist bereits – verblichen!

 

(1886)

 

 

 

 

Georg Latz

Das Muttererbe

 

Sie ging tagaus, sie ging tagein

genau dasselbe Endchen;

ihr kleines blondes Töchterlein,

das hatte sie am Händchen.

 

Sie lernte auf dem ständ’gen Gang

verschied’ne Herren kennen;

die Kleine mußte durch die Bank

sie alle »Onkel« nennen.

 

Mama und Tochter wurden da
natürlich immer älter.
Und mit der Zeit ließ die Mama
die Onkels immer kälter.

 

Und die Mama blieb jetzt zuhaus
und sprach – Vertrauen hegend –
»Jeh, Mieze, jetzt alleene aus,
du kennst ja meene Jejend.«

 

Dann ging tagaus, dann ging tagein
genau dasselbe Endchen
das aufgeblühte Töchterlein,
den Engelhorn in Händchen.

 

Und wenn es einen Onkel sah,
dann sprach’s, auch ungebeten,
»Ick habe jetz’ von die Mama
die Erbschaft anjetreten.«

 

(1903)

 

 

 

 

Emil Nicolai

Straßenbild

 

Ein Menschenhauf – ein Schutzmann – und ein Karren

Und auf dem Karren ein betrunk’nes Weib.

Notdürft’ge Kleidung deckt den magern Leib –

Die Nase spitz, wie eines Giebels Sparren.

 

Die Menge gafft – und tut der Dinge harren,

die sich entwickeln ihr zum Zeitvertreib. –

Und mancher Schimpf trifft das betrunk’ne Weib,

des Augen glasig in die Leere starren.

 

Sie griff zur Flasche in des Lebens Not,

als ihr das Herz umkrallt der Ohmacht Gram;

die Kinder weinten: »Mutter! – Hunger! – Brot!«

 

Nun deckt die blassen Wangen brennend Rot

Wie in des Unglücks unbewußter Scham –

Der Karren rollt. Ein Opfer – lebend tot.

 

(1910)

 

 

 

 

Bruno Wille

Gefallen

 

Umhaucht vom Silberdufte

Des üppig blühenden Mondes,

Erschauert leise des Parkes

Glänzendes Laubgesproß –

Wie träumende Seelenjugend

Im Kusse lichter Gedanken.

Über den Wipfeln fern das Nachtgewölk

Flammt bisweilen von Blitzen –

Dem dumpfen Schläfer gleich,

Den heiße Leidenschaft

Zuckend rührt.

Aus Büschen und frischen Halmen

Atmet der süße Mai;

In lauschiger Blättertiefe

Dichtet träumend die Nachtigall;

Und vom stolzen bleichen Hause

An des Parkes Saum

Aus erhellten Fenstern

Klingt Musik

Wie perlendes Glück.

Im Garten aber am Eisengitter
Steht ein schimmernder Blütenbusch
Traurig über die Stäbe geneigt;
Die weißen Blüten blicken
Wie bange Kinderaugen
Auf ein dunkles Menschenbild,
Das zu des Busches Füßen
Draußen am Gittersockel
Reglos kauert.

 

Durch bebende Zweige fällt
Zerrissenes Mondlicht
Und huscht mit Scheu
Über des kauernden Mannes
Wüsten Rock und wirres Haar.
Seufzend streift vorbei der Nachtwind,
Und der weiße Blütenbusch
Sinnt in träumender Trauer:

»Arme Menschenblüte,
Die du gefallen liegst,
Verloren für die Sonne,
Das Angesicht verwüstet,
Auf Stein und Staub!
Welch liebeloser Gärtner
Ließ so dich darben, dürsten,
Daß du verwelkt, gesunken,
Zertreten bist in Staub und Stein?«

So sinnt in träumender Trauer
Der weiße Blütenbusch …
Am Himmel aber flammt es
Und rollt und grollt,
Als rüsteten sich ferne Wetter
Zu heißem Zorne.
Das zarte Mondlicht flüchtet
Hinter finster ragende Wolken,
Und die Nachtigall verstummt …
Nur vom stolzen Hause
An des Parkes Saum
Aus erhellten Fenstern
Klingt Musik wie perlendes Glück.

Aus der Tür des Hauses tritt
Ein Herr in feiner Tracht,
Grüßt zurück
»Gute Nacht!«
Und kommt gegangen,
Leise trällernd.
Mit kaltem Blicke
Streift er die Gestalt am Gitter
Und geht, sein Liedchen pfeifend,
Grade zur Laterne
An der Straßenmündung.

Die Flamme der Laterne flackert;
Trüber Staub
Wogt vorbei;
Rauschend, schaudernd schwanken
Des Parkes dunkle Wipfel;
Der weiße Blütenbusch
Sträubt entsetzt die Zweige,
Ringt mühesam zu fliehen
Und duckt sich sausend, klagend:
»Nun packt der Sturm mein schwankes Holz
Und schüttelt mich mit grimmer Faust;
Das junge Laub, den zarten Zweig
Trifft prasselnder Hagel, derbes Eis,
Und schlägt die weißen Blüten nieder
Zur gefallenen Menschenblüte.«

Grell am Himmel zuckt ein Blitz
Und flammt durch alle Wolken
Und flammt hernieder blendend
Durch des dumpfen Schläfers
Geschlossne Augenlider
In einen wüsten Traum.

Und der Mann auf hartem Stein
Hebt verstört vom wüsten Traum
Sein wirres Haupt empor,
Richtet stöhnend schwer sich auf
Und blickt mit wilden Augen
Hinan zu flammenden Wolken
Und sieht statt flammender Wolken
Zornglühende Gesichter,
Geballte Riesenfäuste,
Hört es droben krachen
Gleich zersprengtem Erze
Und dröhnen dumpf wie stürzende Mauern
Und hört vom stolzen Hause
Aus erhellten Fenstern
Musik wie perlendes Glück
Durch das tobende Wetter höhnisch klingen.

 

(1890)

 

 

 

 

Bruno Wille

Straße

 

An düster ragenden Häuserwällen

Durch flammenbesäte steinerne Schlucht

Branden die rasselnden Wagen, die Menschen –

Wie Wellen in klippiger Meeresbucht –

Der rote Vollmond taucht empor.

 

Die Menge wühlt und drängt und stößt;

Jedweden kümmert nur seine Not –

Wie auf dem Deck des lecken Schiffes,

Das in den Tod zu sinken droht –

Der rote Mond schaut düster drein.

 

Auf glattem Bürgersteige kauert –

Gleichwie am Felsenriff das Wrack –

Ein Mann mit vorgesunknem Kopfe,

Zur Seite einen Lumpensack –

Der Vollmond blickt mit düstrer Glut.

 

Die Leute auf dem Bürgersteige

Treiben vorbei und blicken kalt;

Die Straßenbahn beglotzt im Rollen

Mit grünem Auge die Gestalt –

Der rote Mond schaut düster drein.

 

Dort drüben lockt die blutige Flamme

Dem Schnapswirt manchen Gast ins Haus;

Und öffnet sich die Schänke dunstig,

Dringt Schelten und Gejohl heraus –

Der Vollmond blickt mit düstrer Glut.

 

Des Handelshauses Fensterreihe

Ist noch vom Gaslicht grell erhellt;

Papier und Pult und blasse Schreiber;

Der Chef durchzählt des Tages Geld –

Der Vollmond blickt mit düstrer Glut.

 

Nun heult vom Hofe die Maschine

Zur Vesper; da entläßt das Tor

Viel arbeitsmatte Blusenmänner;

Nur der Fabrikschlot stößt empor

Zum roten Monde schwarzen Rauch.

 

Ein würdiger Bürger kommt geschritten,

Den Lump am Steige trifft sein Blick;

Entrüstet mit dem Kopfe schüttelnd

Geht er zu Bier und Politik –

Und zornrot glüht der volle Mond.

 

(1894)

 
     

 

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