Achim von Arnim

Mir ist zu licht zum Schlafen

 

Mir ist zu licht zum Schlafen,

Der Tag bricht in die Nacht,

Die Seele ruht im Hafen,

Ich bin so froh verwacht.

 

Ich hauchte meine Seele

Im ersten Kusse aus,

Was ist’s, daß ich mich quäle,

Ob sie auch fand ein Haus!

 

Sie hat es wohl gefunden

Auf ihren Lippen schön,

O welche sel’ge Stunden,

Wie ist mir so geschehn!

 

Was soll ich nun noch sehen,

Ach alles ist in ihr,

Was fühlen, was erflehen,

Es ward ja alles mir!

 

Ich habe was zu sinnen,

Ich hab, was mich beglückt;

In allen meinen Sinnen

Bin ich von ihr entzückt.

 

(1810)

 

 

 

 

Ernst Blass

Die Trennung

 

Als wir uns trennten, fingst du an zu weinen.
Du süßes Mädchen! Tränen und Geleit …
Ich schwenkte aus dem Zuge langsam meinen
Strohhut nach dir, die blieb, in rotem Kleid.

 

Es wird schon dunkel. Dörfer, Wälder, Reise …
Schmerzlich und klanglos ging die Zeit vorbei.
Liebte ich dich? Du warst mir einerlei.
Beim Kaffeetrinken weinte ich noch leise.

 

Viel Stunden kann noch unser Leben währen
Mit Krampf, Musike, mancher Einsamkeit.
Meist aber füllen einen die Miseren
Und Späße aus, und so vergeht die Zeit.


Grau ist der Abend in der Eisenbahn.
Ich gehe nach dem Speisewagen, essen.
Ich habe Angst: wir werden uns vergessen,
Erblindet, eh wir je uns wiedersahn.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Paul Boldt

Friedrichstraßendirnen

 

Sie liegen immer in den Nebengassen,
Wie Fischerschuten gleich und gleich getakelt,
Vom Blick befühlt und kennerisch bemakelt,
Indes sie sich wie Schwäne schwimmen lassen.

Im Strom der Menge, auf des Fisches Route.
Ein Glatzkopf äugt, ein Rotaug’ spürt Tortur,
Da schießt ein Grünling vor, hängt an der Schnur
Und schnellt an Deck einer bemalten Schute,

Gespannt von Wollust wie ein Projektil!
Die reißen sie aus ihm wie Eingeweide,
Gleich groben Küchenfrauen ohne viel

Von Sentiment. Dann rüsten sie schon wieder
Den neuen Fang. Sie schnallen sich in Seide
Und steigen ernst mit ihrem Lächeln nieder.

 

(1914)

 

 

 

 

Paul Boldt

Liebesmorgen

 

Aus dem roten, roten Pfühl
Kriecht die Sonne auf die Dielen,
Und wir blinzeln nur und schielen
Nach uns, voller Lichtgefühl.

 

Wie die Rosa-Pelikane,
Einen hellen Fisch umkrallend,
Rissen unsere Lippen lallend
Kuß um Kuß vom weißen Zahne.

 

Und nun, eingerauscht ins weiche
Nachgefühl der starken Küsse,
Liegen wir wie junge Flüsse
Eng umsonnt in einem Teiche.

 

Und wir lächeln gleich Verzückten;
Lachen gibt der Garten wieder,
Wo die jungen Mädchen Flieder,
Volle Fäuste Flieder pflückten.  

 

(1914)

 

 

 

 

Paul Boldt

Mädchennacht

 

Der Mond ist warm, die Nacht ein Alkohol,
Der rasch erglühend mein Gehirn betrat,
Und deine Nacktheit weht wie der Passat

Trocknend ins Mark.

 

Du hast ein weißes Fleischkleid angezogen.
Mich hungert so – ich küsse deine Lippen.
Ich reiße dir die Brüste von den Rippen,
Wenn du nicht geil bist!

 

– Küsse sind Funken, elektrisches Lechzen
Kupferner Lippen, und die Körper knacken!
Mit einem Sprunge sitzt mein Kuß im Nacken
Und frißt dein Bäumen und dein erstes Ächzen.

 

Und als ich dir die weißen Knie und,
Dein Herz verlangend, allen Körper küßte,
Geriet mein Schröpfkopf unter deine Brüste;
Da drängte sich das Herz an meinen Mund.

 

(1914)

 

 

 

 

Clemens Brentano

Der Spinnerin Nachtlied

 

Es sang vor langen Jahren

Wohl auch die Nachtigall,

Das war wohl süßer Schall,

Da wir zusammen waren.

 

Ich sing’ und kann nicht weinen,

Und spinne so allein

Den Faden klar und rein

Solang der Mond wird scheinen.

 

Da wir zusammen waren

Da sang die Nachtigall,

Nun mahnet mich ihr Schall

Daß du von mir gefahren.

 

So oft der Mond mag scheinen,

Denk’ ich wohl dein allein,

Mein Herz ist klar und rein,

Gott wolle uns vereinen.

 

Seit du von mir gefahren,

Singt stets die Nachtigall,

Ich denk’ bei ihrem Schall,

Wie wir zusammen waren.

 

Gott wolle uns vereinen,

Hier spinn’ ich so allein,

Der Mond scheint klar und rein,

Ich sing’ und möchte weinen

 

(1818)

 

 

 

 

Clemens Brentano

Geheime Liebe

 

Unbeglückt muß ich durchs Leben gehen,

Meine Rechte sind nicht anerkannt;

Aus der Liebe schönem Reich verbannt,

Muß ich dennoch stets ihr Schönstes sehen!

 

Nicht die schwache Zunge darf’s gestehen,

Nicht der Blick verstohlen zugesandt,

Was sich eigen hat das Herz ernannt,

Nicht im Seufzer darf’s der Brust entwehen!

 

Tröstung such’ ich bei der fremden Nacht,

Wenn der leere lange Tag vergangen,

Ihr vertrau’ ich mein geheim Verlangen;

 

Ist in Tränen meine Nacht durchwacht,

Und der lange leere Tag kommt wieder,

Still ins Herz steigt meine Liebe nieder.

 

(1814)

 

 

 

 

Clemens Brentano

Wenn die Sonne weggegangen

 

Wenn die Sonne weggegangen,

kömmt die Dunkelheit heran,

Abendrot hat goldne Wangen,

Und die Nacht hat Trauer an.

 

Seit die Liebe weggegangen,

Bin ich nun ein Mohrenkind,

Und die roten, frohen Wangen,

Dunkel und verloren sind.

 

Dunkelheit muß tief verschweigen,

Alles Wehe, alle Lust,

Aber Mond und Sterne zeigen,

Was ihr wohnet in der Brust.

 

Wenn die Lippen dir verschweigen

Meines Herzens stille Glut,

Müssen Blick und Tränen zeigen,

wie die Liebe nimmer ruht.

 

(1803)

 

 

 

 

Gottfried August Bürger

Das harte Mädchen

 

Ich sah so frei und wonnereich
Einst meine Tag’ entschlüpfen,
Wie Vögelchen, von Zweig auf Zweig,
Beim Morgenliede hüpfen.

 

Fragt jeden Sommerwind, der hier
Die Blumenau erfrischet:
Ob je ein Seufzer sich von mir
in seinen Hauch gemischet?

 

Fragt nur den stillen Bach im Klee:
Ob er mich klagen hörte?
Und ob von mir ein Tränchen je
Die kleinen Wellen mehrte?

 

Mein Auge schaute falkenhell,
Durch meilenlange Räume.
Wie Gems und Eichhorn, sprang ich schnell
Auf Felsen und auf Bäume.

 

Sobald ich auf mein Lager sank,
Entschlief ich ungestöret.
Des Wächters Horn und Nachtgesang
Hat nie mein Ohr gehöret.

 

Nun aber sind mir Lust und Scherz
Und Mut und Kraft vergangen.
Ein hartes Mädchen hält mein Herz,
Mein armes Herz gefangen.

 

Nun hauch’ ich meine Seele schier
Erseufzend in die Winde,
Und girre kläglich hin nach ihr,
Gleich einem kranken Kinde.

 

Nun müssen Bach und Klee genung
Verliebter Zähren saugen,
Und graue Nebeldämmerung
Umwölkt die muntern Augen.

 

Nun härm’ ich ganze Nächte lang,
Auf schlummerlosem Lager,
Die leichten Glieder matt und krank,
Die vollen Wangen hager.

 

An meinem Leben nagt die Wut
Grausamer Seelengeier;
Nagt Eifersucht auf fremde Glut,
Nagt mein verschmähtes Feuer.

 

Das harte Mädchen sieht den Schmerz,
Und mehrt ihn dennoch stündlich.
O Liebe, kennst du noch ein Herz
Wie dieses, unempfindlich? –

 

Ein einzig Lächeln voller Huld
Würd’ allen Kummer lindern,
Und ihre nicht erkannte Schuld
Bald tilgen, oder mindern.

 

Mich weckte wohl ihr süßer Ton
Noch aus dem Grabe wieder;
Ja, wär’ ich auch im Himmel schon,
Er lockte mich hernieder.

 

(1778)

 

 

 

 

Gottfried August Bürger

Die Holde, die ich meine

 

O, was in tausend Liebespracht
Die Holde, die ich meine, lacht!
Verkünd’ es laut, mein frommer Mund,
Wer tat sich in dem Wunder kund,
Wodurch in tausend Liebespracht
Die Holde, die ich meine, lacht?

 

Wer hat wie Paradieseswelt
Der Holden blaues Aug’ erhellt? –
Er, welcher über Meer und Land
Den lichten Himmel ausgespannt,
Er hat wie Paradieseswelt
Der Holden blaues Aug’ erhellt.

 

Wer tuschte so mit Kunst und Fleiß
Der Holden Wange rot und weiß? –
Er, der die sanfte Lieblichkeit
Der jungen Mandelblüte leiht,
Er tuschte so mit Kunst und Fleiß
Der Holden Wange rot und weiß.

 

Wer schuf der Holden Purpurmund
So würzig süß, so lieb und rund? –
Er, der mit Süßigkeit so mild
Die Amarelle würzt und füllt,
Er schuf der Holden Purpurmund
So würzig süß, so lieb und rund.

 

Wer ließ vom Nacken blond und schön
Der Holden seidne Locken wehn? –
Er, der in seinem milden West
Die goldnen Halme wallen läßt,
Er ließ vom Nacken blond und schön
Der Holden seidne Locken wehn.

 

Wer gab zu Liebesred’ und Sang
Der Holden süßer Stimme Klang? –
Er, welcher Flötenmelodie
Der Lerch’ und Nachtigall verlieh,
Er gab zu Liebesred’ und Sang
Der Holden süßer Stimme Klang.

 

Wer hat zur Fülle höchster Lust
Gewölbt der Holden weiße Brust? –
Er auch, durch den ihr Ebenbild,
Des Schwanes Brust von Flaumen schwillt,
Er hat zur Fülle höchster Lust
Gewölbt der Holden weiße Brust.

 

Durch welches Bildners Hände ward
Der Holden Wuchs so schlank und zart? –
Durch ihm, der wohl zu jeder Frist,
Der Schönheit Bildner war und ist,
Durch ihn, den höchsten Bildner, ward
Der Holden Wuchs so schlank und zart.

 

Wer blies so engelfromm und rein
Der Holden Seel’ und Leben ein? –
Wer sonst, als Er nur, dessen Ruf
Die Engel seines Himmels schuf?

Er blies so engelfromm und rein
Der Holden Seel’ und Leben ein. –

 

Lob sei, o Bildner, deiner Kunst
Und hoher Dank für deine Gunst,
Daß so dein Abbild mich entzückt
Mit allem, was die Schöpfung schmückt!
Lob sei, o Bildner, deiner Kunst
Und hoher Dank für deine Gunst! –

 

Doch ach! für wen auf Erden lacht
Die Holde so in Liebespracht? –
O Gott, bei deinem Sonnenschein!
Fast möcht’ ich nie geboren sein,
Wenn nie in solcher Liebespracht
Die Holde mir auf Erden lacht.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Gottfried August Bürger

Lust am Liebchen

 

Wie selig, wer sein Liebchen hat,

Wie selig lebt der Mann!

Er lebt, wie in der Kaiserstadt

Kein Graf und Fürst es kann.

 

Ihm scheinet seiner Seligkeit

Kein Preis auf Erden gleich.

Selbst arm bis auf den letzten Deut,

Dünkt er sich krösusreich.

 

Die Welt mag laufen, oder stehn;

Und alles mag rund um

Kopf unten oder oben gehn!

Was kümmert er sich drum?

 

Hui! ist sein Wort zu Strom und Wind,

Wer macht aus euch sich was?

Nichts mehr, als wehen kann der Wind,

Und Regen macht nur naß.

 

Gram, Sorg’ und Grille sind ihm Spott;

Er fühlt sich frei und froh,

Und kräht, vergnügt in seinem Gott,

In dulci Jubilo.

 

Durch seine Adern kreiset frisch

Und ungehemmt sein Blut.

Gesunder ist er, wie ein Fisch,

In seiner klaren Flut.

 

Ihm schmeckt sein Mahl; er schlummert süß

Bei federleichtem Sinn,

Und träumt sich in ein Paradies

Mit seiner Eva hin.

 

In Götterfreuden schwimmt der Mann,

Die kein Gedanke mißt,

Der singen oder sagen kann,

Daß ihn sein Liebchen küßt. –

 

Doch ach! was sing’ ich in den Wind,

Und habe selber keins?

O Evchen, Evchen, komm geschwind,

O komm und werde meins!

 

(1778)

 

 

 

 

AdAlbert von Chamisso

Er, der Herrlichste

 

Er, der Herrlichste von allen, 
Wie so milde, wie so gut! 
Holde Lippen, klares Auge, 
Heller Sinn und fester Mut.

 

So wie dort in blauer Tiefe, 
Hell und herrlich, jener Stern, 
Also er an meinem Himmel, 
Hell und herrlich, hoch und fern.

 

Wandle, wandle deine Bahnen; 
Nur betrachten deinen Schein, 
Nur in Demut ihn betrachten, 
Selig nur und traurig sein!

 

Höre nicht mein stilles Beten, 
Deinem Glücke nur geweiht; 
Darfst mich niedre Magd nicht kennen, 
Hoher Stern der Herrlichkeit!

 

Nur die Würdigste von allen 
Soll beglücken deine Wahl, 
Und ich will die Hohe segnen, 
Segnen viele tausendmal.

 

Will mich freuen dann und weinen, 
Selig, selig bin ich dann; 
Sollte mir das Herz auch brechen, 
Brich, o Herz, was liegt daran!

 

(1831)

 

 

 

 

Adalbert von Chamisso

Lebe wohl

 

Wer sollte fragen: wie’s geschah?
Es geht auch andern eben so.
Ich freute mich, als ich dich sah,
Du warst, als du mich sahst, auch froh.

 

Der erste Gruß, den ich dir bot,
Macht’ uns auf einmal beide reich;
Du wurdest, als ich kam, so rot,
Du wurdest, als ich ging, so bleich.

 

Nun kam ich auch tagaus, tagein,
Es ging uns beiden durch den Sinn;
Bei Regen und bei Sonnenschein
Schwand bald der Sommer uns dahin.

 

Wir haben uns die Hand gedrückt,
Um nichts gelacht, um nichts geweint,
Gequält einander und beglückt,
Und haben’s redlich auch gemeint.

 

Dann kam der Herbst, der Winter gar,
Die Schwalbe zog, nach altem Brauch,
Und: lieben? – lieben immerdar?
Es wurde kalt, es fror uns auch.

 

Ich werde gehn ins fremde Land,
Du sagst mir höflich: Lebe wohl.
Ich küsse höflich dir die Hand,
Und nun ist alles, wie es soll.

 

(1826)

 

 

 

 

Annette von Droste-Hülshoff

Brennende Liebe

 

Und willst du wissen, warum

So sinnend so manche Zeit,

Mitunter so töricht und dumm,

So unverzeihlich zerstreut,

Willst wissen auch ohne Gnade,

Was denn so Liebes enthält

Die heimlich verschlossene Lade,

An die ich mich öfter gestellt?

 

Zwei Augen hab ich gesehn,

Wie der Strahl im Gewässer sich bricht,

Und wo zwei Augen nur stehn,

Da denke ich an ihr Licht.

Ja, als du neulich entwandtest

Die Blume vom blühenden Rain

Und »Oculus Christi« sie nanntest,

Da fielen die Augen mir ein.

 

Auch gibt’s einer Stimme Ton,

Tief zitternd, wie Hornes Hall,

Die tut’s mir völlig zum Hohn,

Sie folget mir überall.

Als jüngst im flimmernden Saale

Mich quälte der Geigen Gegell,

Da hört ich mit einem Male

Die Stimme im Violoncell.

 

Auch weiß ich eine Gestalt,

So leicht und kräftig zugleich,

Die schreitet vor mir im Wald

Und gleitet über den Teich;

Ja, als ich eben in Sinnen

Sah über des Mondes Aug

Einen Wolkenstreifen zerrinnen,

Da war ihre Form, wie ein Rauch.

 

Und höre, höre zuletzt,

Dort liegt, da drinnen im Schrein,

Ein Tuch mit Blute genetzt,

Das legte ich heimlich hinein.

Er ritzte sich nur an der Schneide,

Als Beeren vom Strauch er mir hieb,

Nun hab ich sie alle beide,

Sein Blut und meine brennende Lieb.

 

(1844)

 

 

 

 

Joseph von Eichendorff

An Luise

 

Ich wollt in Liedern oft dich preisen,
Die wunderstille Güte,
Wie du ein halbverwildertes Gemüte
Dir liebend hegst und heilst auf tausend süße Weisen,
Des Mannes Unruh und verworrnem Leben
Durch Tränen lächelnd bis zum Tod ergeben.

Doch wie den Blick ich dichtend wende,
So schön still in stillem Harme
Sitzt du vor mir, das Kindlein auf dem Arme,
Im blauen Auge Treu und Frieden ohne Ende,
Und alles lass ich, wenn ich dich so schaue –
Ach, wen Gott lieb hat, gab er solche Fraue!

 

(1816)

 

 

 

 

Joseph von Eichendorff

Das zerbrochene Ringlein

 

In einem kühlen Grunde

Da geht ein Mühlenrad,

Mein’ Liebste ist verschwunden,

Die dort gewohnet hat.

 

Sie hat mir Treu versprochen,

Gab mir ein’n Ring dabei,

Sie hat die Treu gebrochen,

Mein Ringlein sprang entzwei.

 

Ich möcht als Spielmann reisen

Weit in die Welt hinaus,

Und singen meine Weisen,

Und gehn von Haus zu Haus.

 

Ich möcht als Reiter fliegen

Wohl in die blut’ge Schlacht,

Um stille Feuer liegen

Im Feld bei dunkler Nacht.

 

Hör ich das Mühlrad gehen:

Ich weiß nicht, was ich will ‒

Ich möcht am liebsten sterben,

Da wär’s auf einmal still.

 

(1813)

 

 

 

 

Joseph von Eichendorff

Der Blick

 

Schaust Du mich aus Deinen Augen
lächelnd wie aus Himmeln an,
fühl’ ich wohl, daß keine Lippe
solche Sprache führen kann.

 

Könnte sie’s auch wörtlich sagen
was dem Herzen tief entquillt,
still den Augen aufgetragen
wird es süßer nur erfüllt.

 

Und ich seh’ des Himmels Quelle,
die mir lang verschlossen war,
wie sie bricht in reinster Helle
aus dem reinsten Augenpaar.

 

Und ich öffne still im Herzen
alles, alles diesem Blick.
Und den Abgrund meiner Schmerzen
füllt er strömend aus mit Glück.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Joseph von Eichendorff

Der letzte Gruß

 

Ich kam vom Walde hernieder,

Da stand noch das alte Haus,

Mein Liebchen, sie schaute wieder

Wie sonst zum Fenster hinaus.

 

Sie hat einen andern genommen,

Ich war draußen in Schlacht und Sieg.

Nun ist alles anders gekommen,

Ich wollt, ’s wär wieder erst Krieg.

 

Am Wege dort spielte ihr Kindlein,

Das glich ihr recht auf ein Haar,

Ich küßts auf sein rotes Mündlein:

»Gott segne dich immerdar!«

 

Sie aber schaute erschrocken

Noch lange Zeit nach mir hin,

Und schüttelte sinnend die Locken

Und wußte nicht, wer ich bin. –

 

Da droben hoch stand ich am Baume,

Da rauschten die Wälder so sacht,

Mein Waldhorn, das klang wie im Traume

Hinüber die ganze Nacht.

 

Und als die Vögelein sangen

Frühmorgens, sie weinte so sehr,

Ich aber war weit schon gegangen,

Nun sieht sie mich nimmermehr!

 

(1834)

 

 

 

 

Bruno Ertler

Liebesnacht

 

Es gibt keine Welt
es gibt keinen Tod
kein drängendes Irren mehr
und kein Morgen-Erwarten.

Reiner Bereitschaft zuckendes, großes »Ja!«
hüllt uns in jauchzende Brände
wollender Kraft
und der Rausch, der aus uns aufloht,
reißt mit heilig frevelnder Gebärde
den glühenden Schöpferstab
aus der Hand Gottes
und zieht einen funkelnden Bannkreis
um unser Lager.

Aufschäumende, du!
Acker von Frühlingserde
unter dem ersten Pflug!

Sieh: Meines Denkens formender Wille
ist ein schöpfendes Dich-Gestalten
aus dem Anfang der Welt
der reißende Schlag meiner heißen Adern
tönt das Urlied vom Garten Eden in meine Schläfen:

Zwei Menschen waren allein auf aller Erde
und waren Form.
Doch da Liebe sie überfiel,
bäumte sich ihnen Lust und Schmerz
in einem begehrend feindlich umschlingenden,
in wilder Einheit endlos verklingenden
einzigen Schrei

und sie lebten!

Es gibt keine Welt
kein Morgen mehr
keinen Tod
keine Frage
nur tiefer Einheit volle Ewigkeit.

 

(1919)

 

 

 

 

Johann Wolfgang Goethe

Maifest

 

Wie herrlich leuchtet

Mir die Natur!

Wie glänzt die Sonne!

Wie lacht die Flur!

 

Es dringen Blüten

Aus jedem Zweig

Und tausend Stimmen

Aus dem Gesträuch.

 

Und Freud und Wonne

Aus jeder Brust.

O Erd’, o Sonne,

O Glück, o Lust,

 

O Lieb, o Liebe,

So golden schön

Wie Morgenwolken

Auf jenen Höhn,

 

Du segnest herrlich

Das frische Feld –

Im Blütendampfe

Die volle Welt!

 

O Mädchen, Mädchen

Wie lieb ich dich

Wie blinkt dein Auge

Wie liebst du mich.

 

So liebt die Lerche

Gesang und Luft

Und Morgenblumen

Den Himmelsduft,

 

Wie ich dich liebe

Mit warmem Blut,

Die du mir Jugend

Und Freud und Mut

 

Zu neuen Liedern

Und Tänzen gibst,

Sei ewig glücklich,

Wie du mich liebst.

 

(1775)

 

 

 

 

Johann Wolfgang Goethe

Rastlose Liebe

 

Dem Schnee, dem Regen.

Dem Wind entgegen,

Im Dampf der Klüfte,

Durch Nebeldüfte,

Immer zu! Immer zu!

Ohne Rast und Ruh!

 

Lieber durch Leiden

Möcht ich mich schlagen,

Als so viel Freuden

Des Lebens ertragen.

Alle das Neigen

Von Herzen zu Herzen,

Ach, wie so eigen

Schaffet das Schmerzen!

 

Wie soll ich fliehen?

Wälderwärts ziehen?

Alles vergebens!

Krone des Lebens,

Glück ohne Ruh,

Liebe, bist du!

 

(1776)

 

 

 

 

Johann Wolfgang Goethe

Willkommen und Abschied

 

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!

Es war getan fast eh’ gedacht;

Der Abend wiegte schon die Erde,

Und an den Bergen hing die Nacht:

Schon stand im Nebelkleid die Eiche,

Ein aufgetürmter Riese, da,

Wo Finsternis aus dem Gesträuche

Mit hundert schwarzen Augen sah.

 

Der Mond von einem Wolkenhügel

Sah kläglich aus dem Duft hervor,

Die Winde schwangen leise Flügel,

Umsaus’ten schauerlich mein Ohr;

Die Nacht schuf tausend Ungeheuer;

Doch frisch und fröhlich war mein Mut:

In meinen Adern welches Feuer!

In meinem Herzen welche Glut!

 

Dich sah ich, und die milde Freude

Floß von dem süßen Blick auf mich;

Ganz war mein Herz an deiner Seite

Und jeder Atemzug für dich.

Ein rosenfarbnes Frühlingswetter

Umgab das liebliche Gesicht,

Und Zärtlichkeit für mich – Ihr Götter!

Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht!

 

Doch ach! schon mit der Morgensonne

Verengt der Abschied mir das Herz:

In deinen Küssen welche Wonne!

In deinem Auge welcher Schmerz!

Ich ging, du standst und sahst zur Erden,

Und sahst mir nach mit nassem Blick:

Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!

Und lieben, Götter, welch ein Glück!

 

(1775)

 

 

 

 

Heinrich Heine

Ein Jüngling liebt ein Mädchen

 

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,

Die hat einen andern erwählt;

Der andre liebt eine andre,

Und hat sich mit dieser vermählt.

 

Das Mädchen heiratet aus Ärger

Den ersten, besten Mann,

Der ihr in den Weg gelaufen;

Der Jüngling ist übel dran.

 

Es ist eine alte Geschichte,

Doch bleibt sie immer neu;

Und wem sie just passieret,

Dem bricht das Herz entzwei.

 

(1822)

 

 

 

 

Heinrich Heine

Ich steh auf des Berges Spitze

 

Ich steh auf des Berges Spitze,
Und werde sentimental.
»Wenn ich ein Vöglein wäre!«
Seufz ich viel tausendmal.

 

Wenn ich eine Schwalbe wäre,
So flög ich zu dir, mein Kind,
Und baute mir mein Nestchen,
Wo deine Fenster sind.

 

Wenn ich eine Nachtigall wäre,
So flög ich zu dir, mein Kind,
Und sänge dir Nachts meine Lieder
Herab von der grünen Lind.

 

Wenn ich ein Gimpel wäre,
So flög ich gleich an dein Herz;
Du bist ja hold den Gimpeln,
Und heilest Gimpelschmerz.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Max Herrmann-Neiße

An eine Jüdin in Schwarz

 

Daß ich dich gefangen hielte,

Deiner Seele

Blutenden Wind,

Daß ich mit dir spielte,

Wie mit einem Kind!

Daß deine Kehle

Das Mahl meiner Zähne trüge!

 

Du braune Lüge!

 

Wie eine Katze

Streichst du durch Sommerabendzeit

Unter Linden - - - -

 

Meine Glut schürt nach dem Schatze,

Fühlst du nicht, wie sie giergrabend schreit:

»Ich will finden!«

 

Du braune Seligkeit!

 

In der Frühe nahm ich ein Bad - - -

Deine Strümpfe sind ja durchbrochen -

Über meinen Pfad

Sind Schnecken gebrochen.

Schwarzes Kleid, weißes Linnen, braune Haut

Und die rote Wunde - - -

 

Wird mir so vor ihnen grauen - - -

 

O lasse

Sie über meinem herben

Abend ein helles Dach erbauen!

Du Frucht der Frauen!

 

Du braune Frau Zebadoth!

 

(o.J.)

 

 

 

 

Max Herrmann-Neiße

Nacht im Stadtpark

 

Ein schmales Mädchen ist sehr liebevoll
zu einem Leutnant, der verloren stöhnt.
Ein Korpsstudent mokiert sich, frech, verwöhnt,
und eine schiefe
Schnepfe kreischt wie toll.

Ein Refrendar bemüht sich ohne Glück
um eine Kellnerin, die
Geld begehrt.
Ein Abgeblitzter macht im Dunkel kehrt,
und eine Nutte schwebt zerzaust zurück.

Zwei Unbestimmte prügeln einen Herrn.
Mit Uniformen zankt ein Zivilist.
Ein
Jüngling merkt, daß er betrogen ist
und zwei Verschmolzne haben schnell sich gern.

Ein starker Bolzen und ein Musketier
sind ganz in eine graue
Bank verwebt.
Ein Gent an einem Ladenfräulein klebt,
ein greiser Onkel schnuppert geil und stier.

Ein Weib mit bloßem Kopf wird sehr gemein,
ein Louis lauert steif und rührt sich nicht.
Ein Frechdachs leuchtet jeder ins Gesicht,
und ein Kommis umfasst ein weiches Bein.

Es raschelt in den Sträuchern ungewiss
und etwas tappt auf einen steifen Hut.
Die Bäche liegen still wie schwarzes Blut,
und Bäume fallen aus der Finsternis.

 

Ein Johlen rollt die Straße hin und stirbt,
ein Wurf ins Wasser, irgendwo, ganz dumpf,
ein Mauerwerk wächst wie ein Riesenrumpf,
ein unbekanntes Tier erwacht und zirpt.

Zwei Männer flüstern einen finstern Plan,
ein welkes Wesen wehrt sich hoffnungslos,
ein Schüler hat ein Bahnerweib im Schoß,
im Teich zieht schwer ein ruheloser Schwan.

Und Sterne stolpern in die tiefe Nacht,
und Obdachlose liegen wie erstarrt,
und bleiern hängt der Mond, und hohl und hart
glotzt breit ein Turm, verstockt und ungeschlacht.

 

(1914)

 

 

 

 

Wilhelm Hertz

Liebesfrühling

 

Liebchen, sieh, der Frühling kam uns wieder,

Alle Wesen glühn, ihn zu begrüßen,
Lebenskeime fluten durch den Äther,
Zartes Grün erwacht zu unsern Füßen.

 

Daß die Welt nicht in des Todes Banden,

Ohne Blumen, ohne Menschen bliebe,
Sandte Gott den Frühling auf die Erde,
Sandte er ins Menschenherz die Liebe.

 

Droben noch am Waldberg kämpft der Winter

Hinterm Eiswall müde und vergebens,

Aber mächtig aus den Blütentälern

Jauchzet der Triumphgesang des Lebens.

Liebchen komm! Wie sich die Schalen lösen

Von der Knospe ahnungsreicher Fülle,

So von deines Leibes Lenzgeheimnis

Heb’ ich leis die jungfräuliche Hülle.

 

Seufzend Sträuben, – atemtrunk’nes Ringen, –
Sel’ger Kampf und seliges Erliegen! –
Wie zwei Rosen wechselnd zu einander

Taubeschwert die klaren Häupter wiegen.

 

Herz an Herz, und Lippe bebt an Lippe
In der Wollust ernstverzücktem Schweigen, –
Aber über uns in blauen Lüften
Schmettert’s tausendfältig von den Zweigen.

 

Und der Flieder neigt auf unsre Häupter

Leicht erregt die jungen Blättertriebe, –
Jubelnd nimmt uns auf die Mutter Erde
In den großen Frühlingsbund der Liebe.

 

(1859)

 

 

 

 

Georg Heym

Abends

 

Es ist ganz dunkel. Und die Küsse fallen
Wie heißer Tau im dämmernden Gemach.
Der Wollust Fackeln brennen auf und wallen
Mit roter Glut dem dunklen Abend nach.

Das Fieber jagt ihr Blut mit weißem Brand,
Daß sie sich halb schon seinem Durst gewährt.
Sie bebt auf seinem Schoß, da seine Hand
In ihrem Hemd nach ihren Brüsten fährt.

Hinten, im Vorhang, in der Dunkelheit
Steht auf das Bett, der Hafen ihrer Gier.
Wie Wolken auf dem Meere lagert breit
Darauf der Dunst von schwarzem Elixier.

Wie wird es sein? Sie friert in seinem Arm,
Der ihren nackten Leib hinüberträgt.
Es zittert auf in ihrem Schoße warm,
Um den er wild die beiden Arme schlägt.

Ihr blondes Haar brennt durch die Nacht, darein
Die tiefe Hand des feuchten Dunkels wühlt.
Der Sturm der Wollust läßt sie leise schrein,
Da seinen Biß sie in den Brüsten fühlt.

 

(1912)

 

 

 

 

Georg Heym

Deine Wimpern, die langen …

 

Deine Wimpern, die langen,

Deiner Augen dunkele Wasser,

Laß mich tauchen darein,

Laß mich zur Tiefe gehen.

 

Steigt der Bergmann zum Schacht

Und schwankt seine trübe Lampe

Über der Erze Tor,

Hoch an der Schattenwand,

 

Sieh, ich steige hinab,

In deinem Schoß zu vergessen,

Fern, was von oben dröhnt,

Helle und Qual und Tag.

 

An den Feldern verwächst,

Wo der Wind steht, trunken vom Korn,

Hoher Dorn, hoch und krank

Gegen das Himmelsblau.

 

Gib mir die Hand,

Wir wollen einander verwachsen,

Einem Wind Beute,

Einsamer Vögel Flug,

 

Höre im Sommer

Die Orgel der matten Gewitter,

Baden in Herbsteslicht,

Am Ufer des blauen Tags.

 

Manchmal wollen wir stehn

Am Rand des dunkelen Brunnens,

Tief in die Stille zu sehn,

Unsere Liebe zu suchen.

 

Oder wir treten hinaus

Vom Schatten der goldenen Wälder,

Groß in ein Abendrot,

Das dir berührt sanft die Stirn.

 

Göttliche Trauer,

Schweige der ewigen Liebe.

Hebe den Krug herauf,

Trinke den Schlaf.

 

Einmal am Ende zu stehn,

Wo Meer in gelblichen Flecken

Leise schwimmt schon herein

Zu der September Bucht.

 

Oben zu ruhn,

Im Hause der durstigen Blumen,

Über die Felsen hinab

Singt und zittert der Wind.

 

Doch von der Pappel,

Die ragt im Ewigen Blauen,

Fällt schon ein braunes Blatt,

ruht auf dem Nacken dir aus.

 

(1912)

 

 

 

 

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

An Albanie

 

Albanie, gebrauche deiner Zeit
Und laß den Liebeslüsten freien Zügel,
Wenn uns der Schnee der Jahre hat beschneit,
So schmeckt kein Kuß, der Liebe wahres Siegel,
Im grünen Mai grünt nur der bunte Klee.

Albanie.

 

Albanie, der schönen Augen Licht,

Der Leib und was auf den beliebten Wangen,

Ist nicht für dich, für uns nur zugericht.

Die Äpfel, die auf deinen Brüsten prangen,

Sind unsre Lust und süße Anmutssee.

Albanie.

 

Albanie, was quälen wir uns viel
Und züchtigen die Nieren und die Lenden?
Nur frisch gewagt das angenehme Spiel!
Jedwedes Glied ist ja gemacht zum Wenden,
Und wendet doch die Sonn sich in der Höh.
Albanie.

 

Albanie, soll denn dein warmer Schoß
So öd und wüst und unbebauet liegen?
Im Paradies, da ging man nackt und bloß
Und durfte frei die Liebesäcker pflügen.
Welch Menschensatz macht uns dies neue Weh?
Albanie.

 

Albanie, wer kann die Süßigkeit
Der zwei vermischten Geister recht entdecken?
Wenn Lieb und Lust ein Essen uns bereit,
Das wiederholt am besten pflegt zu schmecken,
Wünscht nicht dein Herz, daß es dabei vergeh?
Albanie.

 

Albanie, weil noch der Wollusttau
Die Glieder netzt, und das Geblüte springet,
So laß doch zu, daß auf der Venusau

Ein brünstger Geist dir knieend Opfer bringet,
Daß er vor dir in voller Andacht steh!
Albanie.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Beschreibung vollkommener Schönheit

 

Ein Haar, so kühnlich Trotz der Berenice spricht,

Ein Mund, der Rosen führt und Perlen in sich heget,

Ein Zünglein, so ein Gift für tausend Herzen träget,

Zwo Brüste wo Rubin durch Alabaster bricht;

 

Ein Hals, der Schwanenschnee weit, weit zurücke sticht

Zwei Wangen, wo die Pracht der Flora sich beweget,

Ein Blick, der Blitze führt und Männer niederleget,

Zwei Armen, deren Kraft oft Leuen hingericht;

 

Ein Herz, aus welchem nichts als mein Verderben quillet,

Ein Wort, so himmlisch ist und mich verdammen kann,

Zwei Hände, deren Grimm mich in den Bann getan

 

Und durch ein süßes Gift die Seele selbst umhüllet;

Ein Zierrat, wie es scheint, im Paradies gemacht,

Hat mich um meinen Witz und meine Freiheit bracht.

 

 

 

 

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Vergänglichkeit der Schönheit

 

Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand

Dir endlich mit der Zeit um deine Brüste streichen,

Der liebliche Korall der Lippen wird verbleichen;

Der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand.

 

Der Augen süßer Blitz, die Kräfte deiner Hand,

Für welchen solches fällt, die werden zeitlich weichen.

As Haar, das itzund kann des Goldes Glanz erreichen,

Tilgt endlich Tag und Jahr als ein gemeines Band.

 

Der wohlgesetzte Fuß, die lieblichen Gebärden,

Die werden teils zu Staub, teils nichts und nichtig werden;

Dann opfert keiner mehr der Gottheit deiner Pracht.

 

Dies und noch mehr als dies muss Endlich untergehen.

Dein Herze kann allein zu aller Zeit bestehen,

Dieweil es die Natur aus Diamant gemacht.

 

(1697)

 

 

 

Oskar Kanehl

Nachtcafé

 

Peinlicher Duft beißender Parfümerien,
Rauschgetränke und Zigaretten.
An kleinen Tischen, von beweglichen Kellnern
Umflattert, heimentlaufene Provinzialen,
vollblütige Jugend und, sichtlich gewürdigt,
glatzige Greise mit Stammkelchen.
An den Wänden glucken
Wie Giftpilze bunt
Schneppen zur Wahl. Markt.
Fette und Fleischige, Schwammige, Wabblige,
sie Masttiere vom Schlachthof;
andere, hautüberzogene Knochen,
hölzern und eckig mager,
angepinselte Leichen.
Halbakte. Entblößte Rücken
Und Busen bis an die Warzen.
Offen zum Geldeinwurf.
Augen voll Lebensgeschichten,
gemeine und traurige.
Schicksalberufene, Schicksalgestoßene,
Ausgelebte.
Sie blinzeln und zwinkern
Und lächeln einstudiert.
Untereinander tuscheln sie,
obgleich sie sich hassen
wie futterneidische Tiere.
Und lecken und beißen die Lippen,
nippen mechanisch an ihrem Glas.
Kellnervertraulichkeit. –
Zweie sind sich einig und gehen.
Alle winken und schachern,
gemustert, bemessen und bemäkelt
wie Lumpen im Trödelladen.

Kaum daß man es merkt
Wechseln die Weiber.
Leise hautreizend, prickelnd,
frech und leidenschaftswild
wühlt ein Bohèmegeiger mit seiner Kapelle
Musik in die Glieder.


(o.J.)

 

 

 

 

Jakob Michael Reinhold Lenz

Ach, bist du fort? aus welchen güldnen Träumen

 

Ach, bist du fort? aus welchen güldnen Träumen

Erwach’ ich jetzt zu meiner Qual!

Kein Bitten hielt dich auf, du wolltest doch nicht säumen,

Du flogst davon zum zweitenmal.

 

Zum zweitenmal sah ich dich Abschied nehmen,

Dein göttlich Aug’ in Tränen stehn,

Für deine Freundinnen – des Jünglings stummes Grämen

Blieb unbemerkt, ward nicht gesehn.

 

O warum wandtest du die holden Blicke

Beim Abschied immer von ihm ab?

O warum ließest du ihm nichts, ihm nichts zurücke

Als die Verzweiflung und das Grab?

 

Wie ist die Munterkeit von ihm gewichen!

Die Sonne scheint ihm schwarz, der Boden leer,

Die Bäume blühn ihm schwarz, die Blätter sind verblichen,

Und alles welket um ihn her.

 

Er läuft in Gegenden wo er mit dir gegangen,

Im krummen Bogengang, im Wald, am Bach –

Und findet dich nicht mehr – und weinet voll Verlangen

Und voll Verzweiflung dort dir nach.

 

Dann in die Stadt zurück, doch die erweckt ihm Grauen,

Er findet dich nicht mehr, Vollkommenheit!

Ein andrer mag nach jenen Puppen schauen,

Ihm sind die Närrinnen verleid’t.

 

O laß dich doch, o laß dich doch erflehen,

Und schreib ihm einmal nur – ob du ihn liebst!

Ach, oder laß ihn nie dich wiedersehen,

Wenn du ihm diesen Trost nicht gibst!

 

Wie? nie dich wiedersehn? – Entsetzlicher Gedanke!

Ström alle deine Qual auf mich!

Ich fühl’, ich fühl’ ihn ganz – es ist zu viel – ich wanke –

Ich sterbe, Grausame – für dich!

 

(1772)

 

 

 

 

Jakob Michael Reinhold Lenz

Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen?

 

Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen,

Wo singst du itzt?

Wo lacht die Flur, wo triumphiert das Städtchen,

Das dich besitzt?

 

Seit du entfernt, will keine Sonne scheinen,

Und es vereint

Der Himmel sich, dir zärtlich nachzuweinen,

Mit deinem Freund.

 

All unsre Lust ist fort mit dir gezogen,

Still überall

Ist Wald und Feld. Dir nach ist sie geflogen

Die Nachtigall.

 

O komm zurück! Schon rufen Hirt und Herden

Dich bang herbei.

Komm bald zurück! Sonst wird es Winter werden

Im Monat Mai.

 

(1772)

 

 

 

 

Nikolaus Lenau

Dein Bild

 

Die Sonne sinkt, die Berge glühn,

Und aus des Abends Rosen

Seh’ ich so schön dein Bild mir blühn,

So fern dem Hoffnungslosen.

 

Strahlt Hesperus dann hell und mild

Am blauen Himmelsbogen,

So hat mit ihm dein süßes Bild

Die Sternenflur bezogen.

 

Im mondbeglänzten Laube spielt

Der Abendwinde Säuseln;

Wie freudig um dein zitternd Bild

Des Baches Wellen kräuseln! –

 

Es braust der Wald, am Himmel ziehn

Des Sturmes Donnerflüge,

Da mal’ ich in die Wetter hin,

O Mädchen, deine Züge.

 

Ich seh’ die Blitze trunkenhaft

Um deine Züge schwanken,

Wie meiner tiefen Leidenschaft

Aufflammende Gedanken.

 

Vom Felsen stürzt die Gemse dort,

Enteilet mit den Winden;

So sprang von mir die Freude fort

Und ist nicht mehr zu finden.

 

Da bin ich, weiß nicht selber wie,

An einen Abgrund kommen,

Der noch das Kind der Sonne nie

In seinen Schoß genommen.

 

Ich aber seh’ aus seiner Nacht

Dein Bild so hold mir blinken,

Wie mir dein Antlitz nie gelacht; –

Will’s mich hinunterwinken? –

 

(1832)

 

 

 

 

Alfred Lichtenstein

Erotisches Variéte

 

Auf offner Straße in der Nacht
Entkleidet sich ein Kneipenwirt.
Ein Ingenieur ist aufgebracht,
Der sich bei seinem Weib verirrt.

 

Nach gleichgesinnten Viechern schielt
Ein homosexueller Hund.
Ein Greis, der mit sich selber spielt,
Merkt: Allzuviel ist ungesund.

 

In schmutzig grüner Tunke hockt
Ein blauer Syphilitiker.
Ein Boxer bebt. Ein Baby bockt.
Verstiert fault ein Zylinderherr.

 

Ein Auto bringt ein Fräulein um.
Ein Junge bricht ein Mädchen an.
Verbittert ist ein Mensch. Warum?
Weil er nicht coitieren kann.

 

(1913)

 

 

 

 

Eduard Mörike

Aus: Peregrina

 

Ein Irrsal kam in die Mondscheingärten

Einer einst heiligen Liebe.

Schaudernd entdeckt ich verjährten Betrug.

Und mit weinendem Blick, doch grausam,

Hieß ich das schlanke,

Zauberhafte Mädchen

Ferne gehen von mir.

Ach, ihre hohe Stirn,

War gesenkt, denn sie liebte mich;

Aber sie zog mit Schweigen

Fort in die graue

Welt hinaus.

 

Krank seitdem,

Wund ist und wehe mein Herz.

Nimmer wird es genesen!

 

Als ginge, luftgesponnen, ein Zauberfaden

Von ihr zu mir, ein ängstig Band,

So zieht es, zieht mich schmachtend ihr nach!

– Wie? Wenn ich eines Tages auf meiner Schwelle

Sie sitzen fände, wie einst, im Morgen-Zwielicht,

Das Wanderbündel neben ihr,

Und ihr Auge, treuherzig zu mir aufschauend,

Sagte, da bin ich wieder

Hergekommen aus weiter Welt!

 

(1824)

 

 

 

 

Eduard Mörike

Erstes Liebeslied eines Mädchens

 

Was ist im Netze? Schau einmal!

Aber ich bin bange;

Greif ich einen süßen Aal?

Greif ich eine Schlange?

 

Lieb ist blinde

Fischerin;

Sagt dem Kinde,

Wo greifts hin?

 

Schon schnellt mirs in Händen!

Ach Jammer! O Lust!

Mit Schmiegen und Wenden

Mir schlüpfts an die Brust.

 

Es beißt sich, o Wunder!

Mir keck durch die Haut,

Schießt’s Herze hinunter!

O Liebe, mir graut!

 

Was tun, was beginnen?

Das schaurige Ding,

Es schnalzet da drinnen,

Es legt sich im Ring.

 

Gift muß ich haben!

Hier schleicht es herum,

Tut wonniglich graben

Und bringt mich noch um!

 

(o.J.)

 

 

 

Wilhelm Müller

Erstarrung

 

Ich such’ im Schnee vergebens
Nach ihrer Tritte Spur,
Hier, wo wir oft gewandelt
Selbander durch die Flur.

 

Ich will den Boden küssen,
Durchdringen Eis und Schnee
Mit meinen heißen Tränen,
Bis ich die Erde seh’.

 

Wo find’ ich eine Blüte,
Wo find’ ich grünes Gras?
Die Blumen sind erstorben,
Der Rasen sieht so blaß.

 

Soll denn kein Angedenken
Ich nehmen mit von hier?
Wenn meine Schmerzen schweigen,
Wer sagt mir dann von ihr?

 

Mein Herz ist wie erfroren,
Kalt starrt ihr Bild darin:
Schmilzt je das Herz mir wieder,
Fließt auch das Bild dahin.

 

(1822)

 

 

 

 

Betty Paoli

Trennung

 

Was wir gelitten und erduldet
Durch meine Fehler, deine Schwächen,
Was du geirrt, was ich verschuldet –
Wir wollen nicht darüber sprechen.

 

Wer an dem Zwiespalt unsrer Tage –
Zu lösen nicht und nicht zu schlichten, –
Die größ’re Schuld, die klein’re trage,
Wir wollen nicht darüber richten.

 

Ich weiß nur eins! nur eines fühle
Im Herzen ich, dem trauervollen:
Wir hätten in dem Weltgewühle
Uns nun und nimmer finden sollen.

 

Und da wir dennoch uns gefunden,
So lass uns zürnen nicht und klagen
Ob all den Schmerzen und den Wunden,
Die eins dem andern wir geschlagen.

 

Nicht böser Wille ist’s gewesen,
Der uns gebracht so herbe Leiden;
Uns trennet unser tiefstes Wesen,
Der Gott im Innern heißt uns scheiden.

 

Ein Frevel war, was einst wir schwuren
Und Torheit unser Kämpfen, Weinen!
Sich widerstrebende Naturen
Die kann die Liebe nicht vereinen.

 

Je heißer, sehnender sie ringen
Nach sel'gen Einklangs sanften Frieden,
So tiefer wird es sie durchdringen,
Durch welche Klüfte sie geschieden. –

 

Und so ist es auch uns ergangen,
Gott weiß allein, mit welchen Qualen
Mit wie verzweiflungsvollem Bangen
Wir für den Irrtum mussten zahlen.

 

Jetzt ist der Klarheit Tag erschienen –
Laß uns ihn ohne Groll begrüßen
Und, klaglos, auf des Glücks Ruinen
Für Schuld, die nicht die unsre, büßen.

 

(1856)

 

 

 

 

ALFONS PETZOLD

Was wäre dieser Frühling ohne dich?

 

Was wäre dieser Frühling ohne Dich?
Es würde sein, daß auch die Blumen blühen
und alle Bäume ihren Duft verschwenden,
doch für die andern nur und nicht für mich.

Es stände einer mitten in der Pracht,
wie eingeschneit vom Schnee der Einsamkeiten,
und würde schauern und es nicht begreifen,
wie alles um ihn her voll Liebe glüht und lacht.

Es ginge einer jenem Bettler gleich,
der vor sich hinsprach: »Erde, liebe Erde,
o öffne dich für mich und meine Qualen!« –
Es ginge einer durch die Straßen bleich

und wüßte nicht, wohin, wohin mit sich,
um nur nicht dieses Blühen anzusehen
und diesen Duft des Werdens einzusaugen –
was wäre dieser Frühling ohne Dich!

 

(1917)

 

 

 

 

Ludwig Rellstab

Ständchen

 

Leise flehen meine Lieder

Durch die Nacht zu dir;

In den stillen Hain hernieder,

Liebchen, komm zu mir!

 

Flüsternd schlanke Wipfel rauschen

In des Mondes Licht,

Des Verräters feindlich Lauschen

Fürchte, Holde, nicht.

 

Hörst die Nachtigallen schlagen?

Ach, sie flehen dich,

Mit der süßen Töne Klagen

Flehen sie für mich.

 

Sie verstehn des Busens Sehnen,

Kennen Liebesschmerz,

Rühren mit den Silbertönen

Jedes weiche Herz.

 

Laß auch dir die Brust bewegen,

Liebchen, höre mich.

Bebend harr ich dir entgegen!

Komm, beglücke mich!

 

(1827)

 

 

 

 

Emil Rittershaus

Am Grabe meines Weibes.

 

»Du bist die Sonne meines Lebens
Und lieben hast du mich gelehrt.«
Sommer 1854.

Emil Rittershaus.

 

»Ewig jung ist nur die Sonne,
Sie allein ist ewig schön.«
Conrad Ferdinand Meyer.

 

Ich steh’, mein Weib, an deiner Schlummerstatt. –
Auf Cykaswedel, grünes Palmenblatt,
Auf Winterastern, blüh’nde Erika,
Wie lieblich scheint die Morgensonne da! –

Und wieder kommt es mir in meinen Sinn
Wie du warst eine Sonnenschwärmerin,
Wie dir die Seele war beglückt, verklärt,
Wenn Gott uns nur den Sonnenschein beschert.

 

Wie oft du sprachst mit fröhlichem Gesicht,
Daß ewig jung nur sei das Sonnenlicht
Und ewig schön – wie du der Qualen Last,
Schien nur die Sonne, schnell vergessen hast!

Und sieh, zumut wird mir’s in dieser Stund’,
Als hauchte leis mich an dein süßer Mund,
Als sah’ mich an dein Aug’, so wunderbar,
Das selbst wie eine milde Sonne war!

 

Wo du warst, war der schönste Sonnenglanz,
Wo du warst, blühte auf der Blumenkranz –
Zu Mute wird mir’s, o, so seltsamlich,
Als wären noch getrennt nicht du und ich.

 

Und also ist’s: den heißgeliebten Mann
Ein edles treues Weib nicht lassen kann,
Und hebt ein Kind den Blick zu dir empor
Und ruft, so hört es seiner Mutter Ohr.

Nur was vergänglich, deckt der Kugel hier!
Du lebst in mir, ich lebe fort in dir;
Ich fühle deinen Odem mich umwehn,
Und weiß gewiß, daß wir uns wiedersehn!

Solang’ des Lebens Flamme in mir kreist,
Will leben ich, mein Weib, in deinem Geist,
Will wirken ich, mein Weib, in deinem Sinn,
Du, meine Sonne, Sonnenschwärmerin!

 

Wo sich die Kummerwolke drohend ballt,
Will bringen ich der Liebe Lenzgewalt –
Wo Trübsinn häuft die schweren Nebel dicht,
Will bringen ich des Frohsinns Sonnenlicht.

Im Sonnenglanz, der auf dem Hügel ruht,
Mein’ ich zu lesen: ja, so ist es gut! – –

So will ich wandeln denn nach deinem Sinn,
Du, meine Sonne, Sonnenschwärmerin!

 

(1896)

 

 

 

 

Ernst Stadler

In diesen Nächten

 

In diesen Nächten friert mein Blut nach deinem Leib, Geliebte.

O, meine Sehnsucht ist wie dunkles Wasser aufgestaut vor Schleusentoren,

In Mittagstille hingelagert reglos lauernd,

Begierig, auszubrechen. Sommersturm,

Der schwer im Hinterhalt geladner Wolken hält. Wann kommst du, Blitz,

Der ihn entfacht, mit List befrachtet, Fähre,

Die weit der Wehre starre Schenkel von sich sperrt? Ich will

Dich zu mir in die Kissen tragen so wie Garben jungen Klees

In aufgelockert Land. Ich bin der Gärtner,

Der weich dich niederbettet. Wolke, die

Dich übersprengt, und Luft, die dich umschließt.

In deine Erde will ich meine irre Glut vergraben und

Sehnsüchtig blühend über deinem Leibe auferstehn.

 

(1914)

 

 

 

 

Ludwig Tieck

Gefühl der Liebe

 

Trübe hing ein dichter Schleier

Über Busch und Wald daher.

Sagt, wo ist die Frühlingsfeier?

Ist der Wald an Tönen leer?

 

Rührt kein Wind sich in den Zweigen,

Treibt die Wolken über’s Feld? –

Dumpfes, ödes, totes Schweigen,

Die Natur gefangen hält. –

 

Und mir ward im Busen bange,

Denn kein Stimmlein sprach mich an,

Seufzte tief und harrte lange,

Klagte: Sonne, komm heran!

 

Aber dichter ward der Schatten,

Wolken hingen tiefer ab,

Dunkler schwärzten sich die Matten,

Alles Feld ein enges Grab.

 

Durch den Nebel warf ich Blicke

Wie man in die Ferne schaut,

Alle kamen mir zurücke,

Finsternis war vorgebaut.

 

Da warf ich mich weinend nieder,

Wünscht’ im Unmut tot zu sein:

Tot sind alle Lerchenlieder,

Abgestorben Sonnenschein. –

 

Warum soll denn ich noch leben

In der wüsten Dunkelheit,

Hier wo Schrecken um mich weben,

In mir selber Angst und Leid? –

 

Plötzlich war’s, wie wenn an Saiten,

Abendwind vorüberschwebt

Und in Harfentönen webt,

Über Blumen hinzuschreiten,

 

An der fernsten fernsten Grenze

Teilte sich die dunkle Nacht,

Und ein Sonnenblick voll Pracht

Wand sich durch die Nebelkränze.

 

Als ich kaum zu atmen wagte,

Schoß der Strahl, ein goldner Pfeil,

Schnell in glühendroter Eil

Hin zum Orte, wo ich klagte.

 

Schreckenfroh sah ich den Schein,

Kriegte Mut zu neuem Leben:

Sollte das der Frühling sein?

Könnt’ es doch wohl Freuden geben?

 

Da erglühten schon die Wogen,

Funkeln ging auf grüner Flur,

Morgenrot sprang kühn in Bogen,

Glänzend, taumelnd die Natur.

 

Und die Waldung blieb nicht träge,

Alle Vögel sprangen auf,

Jubelten durch das Gehege,

Jagten sich im muntern Lauf. –

 

In des Jauchzens Lust verloren

Dacht’ ich nicht an Sterben mehr,

Fühlte mich nun neugeboren

In dem goldnen Freudenmeer.

 

Ach! sie ist mir endlich nahe,

Nach der meine Sehnsucht rang,

Seit ich ihre Augen sahe

Fühl’ ich neuen Lebensdrang.

 

Alle Klagen sind verschwunden,

Fort der Seufzer banger Schwarm,

Mit der Liebe fest verbunden

Ruh’ ich in des Glückes Arm. –

 

(1798)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
     

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© www.deutsch-und-philosophie.de