Alexis Aar

Soldaten kommen

Hörner und Pfeifen hab’ ich vernommen, –
Mutter, nimm’s Brot weg, Soldaten kommen!
Frieden und Ruh verscheucht ihre Näh’,
Bringt unserm Städtchen nur Ach und Weh.

Schlugen die Feinde sie unaufhaltsam,

Sind sie auch gegen die Freunde gewaltsam,
Denken, alles rings auf der Welt
Wäre ihr eigen, wenn’s ihnen gefällt.

Hörner und Pfeifen hab’ ich vernommen, –

Mädel, nimm’s Herz weg, Soldaten kommen!

Gehen so stolz in der Waffen Schmuck,
Werben mit Kuß und mit Händedruck;
Wissen zu rühren und zu verführen,
Schmeicheln mit tausend Liebesschwüren.

Weh’ dir, wenn du dem Schmeichler getraut,

Wirst du sein Schatz, aber nie seine Braut.

Hörner und Pfeifen hab’ ich vernommen, –
Fort mit den Jungen, Soldaten kommen!
Schauen die Alten schon freudig darein,

Ach, unsre Jungen verlocket der Schein!

Seht, wie sie laufen und wie sie gaffen,
Wie sie sich freun an den blitzenden Waffen!
Mädel, dein Bräutigam, Mutter, dein Sohn,
Mit den Soldaten zieht er davon.

 

(1904)

 

 

 

 

Anonym

Soldatenlied

 

Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne.

Als ich es ward, hat man mich nicht gefragt;

Man riß mich fort, hinein in die Kaserne,

Gefangen ward ich, wie ein Wild gejagt,

Ja, von der Heimat und des Liebchens Herzen

Mußt ich hinweg und von der Freunde Kreis;

Denk ich daran, fühl ich der Wehmut Schmerzen,

Fühl in der Brust des Zornes Glut so heiß.

 

Ich bin Soldat, doch nur mit Widerstreben;

Ich lieb ihn nicht, den blauen Königsrock,

Ich lieb es nicht, das blut’ge Waffenleben,

Mich zu verteid’gen, wär genug ein Stock,

O sagt mir an, wozu braucht ihr Soldaten?

Ein jedes Volk liebt Ruh und Frieden nur.

Allein aus Herrschersucht und dem Volk zu schaden,

Laßt ihr zertreten, ach, die goldene Flur!

 

Ich bin Soldat, muß Tag und Nacht marschieren,

Statt in der Arbeit, muß ich Posten stehn,

Statt in der Freiheit, muß ich salutieren,

Und muß den Hochmut frecher Buben sehn.

Und geht’s ins Feld, so muß ich Brüder morden,

Von denen keiner was zu leid mir tat,

Dafür als Krüppel trag ich Band und Orden,

Und hungernd ruf ich dann: Ich bin Soldat!

 

Ihr Brüder all, ob Deutsche, ob Franzosen,

Ob Ungarn, Dänen, ob vom Niederland,

Ob grün, ob rot, ob blau, ob weiß die Hosen,

Gebt euch, statt Blei, zum Gruß die Bruderhand!

Auf, laßt zur Heimat uns zurückmarschieren,

Von den Tyrannen unser Volk befrein,

Denn nur Tyrannen müssen Kriege führen –

Soldat der Freiheit will ich gerne sein!

 

(1870)

 

 

 

 

A. de Nora

Junge Helden

 

Saht ihr ihn an, den Knaben,
Den das Eiserne Kreuz schon schmückt?
Seine Kinderaugen haben
Dem Tod in die Augen geblickt!

Über seine knospende Seele,
Die noch einer Mutter gelauscht,
Sind schon die wilden Choräle
Von Schlachtendonnern gerauscht!

Und ihn, der kaum der Wiege
Milchweißen Gesichts entrann,
Ihn schweißte der Gott der Kriege
Mit einemmal zum Mann!

Schaut ihn euch an, den Jungen!
So teuer hat keiner mehr
Unter allen Großen errungen
Das Eiserne Kreuz wie der.

Denn er hat drangegeben,
– Kind einer heldischen Zeit –
Sein ganzes Jünglingsleben
Voll träumrischer Seligkeit!

Das wird ihm nie mehr schenken
Der Lorbeer, der ihn umlaubt!
Das läßt mich in Ehrfurcht senken
Vor ihm mein altes Haupt.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Gerrit Engelke

An die Soldaten des großen Krieges

 

In memoriam August Deppe

 

Herauf! aus Gräben, Lehmhöhlen, Betonkellern, Steinbrüchen!
Heraus aus Schlamm und Glut, Kalkstaub und Aasgerüchen!
Herbei! Kameraden! Denn von Front zu Front, von Feld zu Feld
Komme euch allen der neue Feiertag der Welt!
Stahlhelme ab, Mützen, Käppis! und fort die Gewehre!
Genug der blutbadenden Feindschaft und Mordehre!

 

Euch alle beschwör ich bei eurer Heimat Weilern und Städten,
Den furchtbaren Samen des Hasses auszutreten, zu jäten,
Beschwöre euch bei eurer Liebe zur Schwester, zur Mutter, zum Kind,
Die allein euer narbiges Herz noch zum Singen stimmt.
Bei eurer Liebe zur Gattin – auch ich liebe ein Weib!
Bei eurer Liebe zur Mutter – auch mich trug ein Mutterleib!
Bei eurer Liebe zum Kinde – denn ich liebe die Kleinen!
Und die Häuser sind voll von Fluchen, Beten, Weinen!

 

Lagst du bei Ypern, dem zertrümmerten? Auch ich lag dort.
Bei Mihiel, dem verkümmerten? Ich war an diesem Ort.
Dixmuide, dem umschwemmten? Ich lag vor deiner Stirn
In Höllenschluchten Verduns, wie du in Rauch und Klirrn;
Mit dir im Schnee vor Dünaburg, frierend, immer trüber,
An der leichenfressenden Somme lag ich dir gegenüber.
Ich lag dir gegenüber überall, doch wußtest du es nicht!
Feind an Feind, Mensch an Mensch und Leib an Leib, warm und dicht.

Ich war Soldat und Mann und Pflichterfüller, so wie du,
Dürstend, schlaflos, krank – auf Marsch und Posten immerzu.
Stündlich vom Tode umstürzt, umschrien, umdampft,
Stündlich an Heimat, Geliebte, Geburtsstadt gekrampft
Wie du und du und ihr alle. –
Reiß auf deinen Rock! Entblöße die Wölbung der Brust!

 

Ich sehe den Streifschuß von fünfzehn, die schorfige Krust,
Und da an der Stirn vernähten Schlitz vom Sturm bei Tahüre –
Doch daß du nicht denkst, ich heuchle, vergelt ich mit gleicher Gebühr:
Ich öffne mein Hemd: hier ist noch die vielfarbige Narbe am Arm!

 

Der Brandstempel der Schlacht! von Sprung und Alarm,
Ein zärtliches Andenken lang nach dem Kriege.
Wie sind wir doch stolz unsrer Wunden! Stolz du der deinigen,
Doch nicht stolzer als ich auch der meinigen.

 

Du gabst nicht besseres Blut und nicht rötere Kraft,
Und der gleiche zerhackte Sand trank unsern Saft! –
Zerschlug deinen Bruder der gräßliche Krach der Granate?
Fiel nicht dein Onkel, dein Vetter, dein Pate?
Liegt nicht der bärtige Vater verscharrt in der Kuhle?
Und dein Freund, dein lustiger Freund aus der Schule? –
Hermann und Fritz, meine Vettern, verströmten im Blute,
Und der hilfreiche Freund, der Jüngling, der blonde und gute.
Und zu Hause wartet sein Bett, und im ärmlichen Zimmer
Seit sechzehn, seit siebzehn die gramgraue Mutter noch immer.
Wo ist uns sein Kreuz und sein Grab! –
Franzose du, von Brest, Bordeaux, Garonne,
Ukrainer du, Kosak vom Ural, Dnjestr und Don,
Österreicher, Bulgaren, Osmanen und Serben,
Ihr alle im rasenden Strudel von Tat und von Sterben –
Du Brite, aus London, York, Manchester,
Soldat, Kamerad, in Wahrheit Mitmensch und Bester –
Amerikaner, aus den volkreichen Staaten der Freiheit:
Wirf ab: Sonderinteresse, Nationaldünkel und Zweiheit!
Warst du ein ehrlicher Feind, wirst du ein ehrlicher Freund.
Hier meine Hand, daß sich nun Hand in Hand zum Kreise binde
Und unser neuer Tag uns echt und menschlich finde.

 

Die Welt ist für euch alle groß und schön und schön!
Seht her! staunt auf! nach Schlacht und Blutgestöhn:

Wie grüne Meere frei in Horizonte fluten,
Wie Morgen, Abende in reiner Klarheit gluten,
Wie aus den Tälern sich Gebirge heben,
Wie Milliarden Wesen uns umbeben!
O, unser allerhöchstes Glück heißt: Leben! –

 

O, daß sich Bruder wirklich Bruder wieder nenne!
Daß Ost und West den gleichen Wert erkenne:
Daß wieder Freude in die Völker blitzt:

Und Mensch an Mensch zur Güte sich erhitzt!

 

Von Front zu Front und Feld zu Feld,
Laßt singen uns den Feiertag der neuen Welt!
Aus aller Brüsten dröhne eine Bebung:
Der Psalm des Friedens, der Versöhnung, der Erhebung!
Und das meerrauschende, dampfende Lied,
Das hinreißende, brüderumarmende,
Das wilde und heilig erbarmende
Der tausendfachen Liebe laut um alle Erden!

 

(1921)

 

 

 

 

Walter Flex

Dankesschuld

 

Ich trat vor ein Soldatengrab

und sprach zur Erde tief hinab:

»Mein stiller grauer Bruder du,

das Danken läßt uns keine Ruh’.

Ein Volk in toter Helden Schuld

brennt tief in Dankes Ungeduld.

Daß ich die Hand noch rühren kann,

das dank ich dir du stiller Mann.

Wie rühr’ ich sie dir recht zum Preis?

Gib Antwort Bruder, daß ich’s weiß!

Willst Du ein Bild von Erz und Stein?

Willst einen grünen Heldenhain?« –

Und alsobald aus Grabes Grund

ward mir des Bruders Antwort kund:

»Wir sanken hin für Deutschlands Glanz.

Blüh, Deutschland, uns als Totenkranz!

Der Bruder, der den Acker pflügt,

ist mir ein Denkmal wohlgefügt.

Die Mutter, die ihr Kindlein hegt,

ein Blümlein überm Grab mir pflegt.

Die Büblein schlank, die Dirnlein rank

blühn mir als Totengärtlein Dank.

Blüh, Deutschland, überm Grabe mein

jung, stark und schön als Heldenhain!«

 

(1920)

 

 

 

 

Paul Friedrich

Die eiserne Zeit


Die Zeit ist eisern. Mäht ihr deutschen Schnitter,
Die Saat der Feinde will geschnitten sein.
Flammt, flammt, ihr Blitze, brich du Ungewitter,
Du Menetekel über sie herein.

In vollen Ähren schwankt rings das Getreide
Und wartet auf den scharfen Sensenschlag –
Wacht auf, ihr Deutschen Schnitter, wetzt die Schneide
Der Tag ist da, der blutige Erntetag.

Laßt euer Eisen durch die Garben mähen
Der Hinterlist, die hoch im Halme stehn,
In alle Fugen sollt ihr Eisen sähen,
Aus dem hervor einst neue Männer gehn.

Laßt Blut und Schweiß euch aus den Poren rinnen.
Doch rastet nicht, eh nicht das letzte fiel;
Der Tod steht hinter euch, ihr müßt gewinnen,
Denn alles, alles setztet ihr aus Spiel.

Wollt ihr, daß Hunnen ihre Pferde tränken
Im Weichsel- oder gar im Elbestrom?
Daß der Barbaren Fäuste niedersenken
In Schutt der deutschen Sitte heiligen Dom?

Soll Willkür über euch die Knute schwingen,
der Moskowiter euer Meister sein?
Soll rohe Grausamkeit die Freien zwingen,
Und deutsche Frauen ihren Lüsten weihn?

Wollt ihr den Hohn der frechen Franzen tragen
Und winselnd vor der welschen Ohnmacht knien?
Soll ihre Frechheit wiederum es wagen,
Euch anzuspeien, wie sie euch stets bespien?

Soll dreiste Anmaßung euch wieder höhnen,
Daß ihr zu dumm, zu schwach, zu elend seid;
Platz in der Welt zu schaffen euren  Söhnen:
Gebt mit Kanonen dieser Brut Bescheid!

Um alle Meere klammert Krakenglieder
Das gierige England, beutedurstgeschwellt,
Mißgünstig lauernd blickt es auf uns nieder
Und dünkt sich stolz den Herrscher dieser Welt …

Durchbrecht Britannias enges Flottengitter
Und reißt des Vettern Tor und Türme ein:
Die Zeit ist eisern – mäht ihr deutschen Schnitter,

Die Saat ist reif, sie will geschnitten sein.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Ludwig Ganghofer

Das letzte Wort

 

Gewonnen war die grimme Schlacht,

Die Waffen ruhn. Es sinkt die Nacht.

 

Bei Metz im großen Leidenszelt

Liegt sterbenswund ein deutscher Held.

 

Ein schlanker Bursch, ein junges Blut,

Die Kugel traf, sie traf ihn gut.

 

Und Wärter, Arzt und Schwester stehn,

Um einen deutschen Held zu sehn.

 

In Linnen, rosenrot befleckt,

Liegt er wie steinern ausgestreckt.

 

Es kämpft die Brust den letzten Streit,

Das Ende kommt, ist nimmer weit.

 

Da schlägt er jäh die Augen auf,

Stemmt aus dem Kissen sich hinauf;

 

Er hält sich grad und hält sich fest,

Die Arme an den Leib gepreßt.

 

Sein treues Auge, blau und jung,

Blickt ruhig in die Dämmerung.

 

Und lächelnd spricht er, klar und hell:

»Herr Leutnant! Melde mich zur Stell’!«

 

Ein froher Glanz in seinem Blick.

Dann bricht sein Aug’. Er fällt zurück

 

Es flüstern, die das Bett umstehn:

»Deutschland, du wirst nicht untergehn!«

 

Wer ihn gebar? Wen er verließ?

Und wer er war? Und wie er hieß?

 

Wer’s wissen will, muß suchen gehen,

Wo namenlose Gräber stehn.

 

(1914)

 

 

 

 

Emanuel Geibel

Kriegslied

 

Juli 1870

 

Empor, mein Volk! Das Schwert zur Hand!

Und brich hervor in Haufen!

Vom heil’gen Zorn ums Vaterland

Mit Feuer laß dich taufen!

Der Erbfeind beut dir Schmach und Spott,

Das Maß ist voll, zur Schlacht mit Gott!

Vorwärts!

 

Dein Haus in Frieden auszubaun,

Stand all dein Sinn und Wollen,

Da bricht den Hader er vom Zaun

Von Gift und Neid geschwollen.

Komm’ über ihn und seine Brut

Das frevelhaft vergoßne Blut!

Vorwärts!

 

Wir träumen nicht von raschem Sieg,

Von leichten Ruhmeszügen,

Ein Weltgericht ist dieser Krieg,

Und stark der Geist der Lügen.

Doch der einst unsrer Väter Burg,

Getrost, er führt auch uns hindurch!

Vorwärts!

 

Schon läßt er klar bei Tag und Nacht

Uns seine Zeichen schauen,

Die Flammen hat er angefacht

In allen deutschen Gauen.

Von Stamm zu Stamme lodert’s fort:

Kein Mainstrom mehr, kein Süd und Nord!

Vorwärts!

 

Voran denn, kühner Preußenaar,

Voran durch Schlacht und Grausen!

Wie Sturmwind schwellt dein Flügelpaar

Vom Himmel her ein Brausen,

Das ist des alten Blüchers Geist,

Der dir die rechte Straße weist.

Vorwärts!

 

Flieg, Adler, flieg! Wir stürmen nach,

Ein einig Volk in Waffen.

Wir stürmen nach, ob tausendfach

Des Todes Pforten klaffen.

Und fallen wir: Flieg, Adler, flieg!

Aus unsrem Blute wächst der Sieg.

Vorwärts!

 

(1870)

 

 

 

 

Andreas Gryphius

Tränen des Vaterlandes

 

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!

Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun,

Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Kartaun

Hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret.

 

Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret.

Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun.

Die Jungfraun sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun,

Ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret.

 

Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.

Dreimal sind schon sechs Jahr als unser Ströme Flut.

Von Leichen fast verstopft, sich langsam fortgedrungen.

 

Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,

Was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot,

Daß auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen.

 

(1636)

 

 

 

 

Johann Peter Hebel

Musketierlied

 

Steh ich im Feld,

Mein ist die Welt!
Bin ich nicht Offizier,
Bin ich doch Musketier,

Steh in dem Glied wie er,

  Weiß nicht wo’s besser wär!
Weiß nicht wo’s besser wär!
Juhe ins Feld!

Steh ich im Feld,

     Mein ist die Welt.

Hab’ ich kein eigen Haus,
Jagt mich doch Niemand naus,

Fehlt mir die Lagerstätt,
     Boden bist du mein Bett,

Mein ist die Welt!


Steh ich im Feld,
     Mein ist die Welt,
Hab ich kein Geld im Sack,
Morgen ist Löhnungstag;

     Bis dahin jeder borgt,

     Niemand für’s Zahlen sorgt.
Juhe ins Feld!

Steh ich im Feld,
     Mein ist die Welt;

Hab ich kein Geld im Sack

Hab ich doch Rauchtabak;
     Fehlt mir der Tabak auch,
     Nußlaub gibt guten Rauch;
Mein ist die Welt!

 

Steh ich im Feld,

     Mein ist die Welt.

Kommen mir zwei und drei,
Haut mich mein Säbel frei;
     Schießt mich der vierte tot,

     Tröst mich der liebe Gott.

Juhe ins Feld!

 

(o.J.)

 

 

 

 

Karl Henckell

Kosakendank

 

Zerschmettert lag in Sumpf und Moor
Des Zaren dräuende Armee,
Die deutsches Land zum Raub erkor,
Daß deutsche Art zugrunde geh.

 

Wo der Granatenhagel strich –
Zerfetzte Klumpen Mensch und Tier –
Matt und verwundet schleppte sich
Noch ein Kosakenoffizier.

 

Und mitten durch das rote Bad
Zum nächsten Grauhelm kroch er hin:
»Mich dürstet, deutscher – Kamerad!«
Sein Betteln rührt des Kriegers Sinn.

 

Und mühsam unter Schmerzen reicht
Die eigne Flasche stumm der Mann
Und denkt: »Solch Sterben ist nicht leicht,
Ob Freund, ob Feind – so lab dich dran!«

 

Er merkt nicht, wie der falsche Hund,
Kosakenoffizier dazu,
Indes den Trank er führt zum Mund,
Rasch zum Revolver greift im Nu

 

Und hinterrücks ihn niederknallt,
Der ihm die letzte Labe bot . . .
Sein Auge flirrt, die Lippe lallt:
»Mordbube, feiger!« Und ist tot.

 

Der Leutnant seines Zuges sprang
Herzu, von langer Schlacht erschöpft,

Doch wie er da den Degen schwang,
So schnell ward nie ein Schuft geköpft.

 

(1918)

 

 

 

 

Wilhelm Hertz

Vor der Schlacht

 

Ist das ein letzter Mondenstrahl,
Der dort die Wolken säumt?
Ich habe just zum letzten Mal
Von Liebchen noch geträumt.

 

Im Lager ist die Trommel wach,

     Fern knallet Schuß auf Schuß;
Mir brennet auf den Lippen nach
     Ein tränenheißer Kuß.

Und will mir’s werden weh ums Herz, –

     Trompeten, blaset drein!

Es kann bei weichem Liebesschmerz
     Kein Reitermut gedeih’n.

Das freilich geht mir durch den Sinn,
Und macht mich traurig schier:

Was bleibt, wenn ich gefallen bin,

     Mein armes Liebchen, dir?

 

Doch auf! Und schwillt dir nicht der Mut?
     Zwei Leben schirmt dein Schwert:
Hau drein! Du braves Reiterblut!

     Der Kampf ist streitenswert.

 

(1859)

 

 

 

 

Rudolf Herzog

Der Deutschen Kriegslied 1914

 

Die deutsche Jugend ist am Feind!

Ihr Mütter: Stolz! Und nicht geweint!

Die Jugend hat die Ehre:

Den ersten Tanz in Staub und Blut,

Den ersten Stoß in Feuersglut

Beim Knattern der Gewehre

Ein Ton nur: Vorwärts! gellt im Ohr.

Jungens, tanzt vor!

 

Die Erde dröhnt von hartem Tritt.

Das ist der Landwehr schwerer Schritt –

Sie kommen an, sie kommen!

Auf bärt’gem Mund den letzten Kuß.

Und knallt der Büchse letzter Schuß,

So muß der Kolben frommen.

Um Weib und Kind und Seligsein:

Landwehr, hau drein!

 

Wie Ähren wogt es weit und breit.

O deutsches Land zur Sommerzeit,

Die Männer trägt, statt Garben!

Sie wachsen aus dem Ackerspalt,

Aus Haus und Hof und grünem Wald

In Flaum und alten Narben –

Fürs Vaterland den letzten Mann!

Landsturm, stürm an!

 

O Kaiser, es ist alter Brauch.

So flocht der Große Kurfürst auch

Und Friedrich Siegesreiser.

In Ost und West vom Feind umstellt,

Braust Deutschlands Kampfschwur durch die Welt,

Gott hör’s: Es lebe der Kaiser!

In Not und Tod – noch sind wir da!

Kaiser – hurra!

 

(1914)

 

 

 

 

Georg Herwegh

Reiterlied

 

Die bange Nacht ist nun herum,

Wir reiten still, wir reiten stumm,

Und reiten ins Verderben.

Wie weht so scharf der Morgenwind!

Frau Wirtin, noch ein Glas geschwind

Vorm Sterben, vorm Sterben.

 

Du junges Gras, was stehst so grün?

Mußt bald wie lauter Röslein blühn,

Mein Blut ja soll dich färben.

Den ersten Schluck, ans Schwert die Hand,

Den trink’ ich, für das Vaterland

Zu sterben, zu sterben.

 

Und schnell den zweiten hinterdrein,

Und der soll für die Freiheit sein,

Der zweite Schluck vom Herben!

Dies Restchen – nun, wem bring’ ich’s gleich?

Dies Restchen dir, o Römisch Reich,

Zum Sterben, zum Sterben!

 

Dem Liebchen – doch das Glas ist leer,

Die Kugel saust, es blitzt der Speer;

Bringt meinem Kind die Scherben!

Auf! in den Feind wie Wetterschlag!

O Reiterlust, am frühen Tag

Zu sterben, zu sterben!

 

(1841)

 

 

 

 

Georg Heym

Der Krieg I

 

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,

Aufgestanden unten aus Gewölben tief.

In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,

Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

 

In den Abendlärm der Städte fällt es weit,

Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit,

Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.

Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

 

In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.

Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.

In der Ferne wimmert ein Geläute dünn

Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn.

 

Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an

Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an.

Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,

Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.

 

Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,

Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.

Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,

Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.

 

Über runder Mauern blauem Flammenschwall

Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall.

Über Toren, wo die Wächter liegen quer,

Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.

 

In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein

Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.

Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,

Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

 

Und mit tausend roten Zipfelmützen weit

Sind die finstren Ebnen flackend überstreut,

Und was unten auf den Straßen wimmelt hin und her,

Fegt er in die Feuerhaufen, daß die Flamme brenne mehr.

 

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,

Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt.

Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht

In die Bäume, daß das Feuer brause recht.

 

Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,

Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.

Aber riesig über glühnden Trümmern steht

Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht,

 

Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,

In des toten Dunkels kalte Wüstenein,

Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,

Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh.

 

(1912)

 

 

 

 

Eleonore Kalkowska

Frauenklage

 

Man tat uns dieses an und frug uns nicht!

Den großen Tod beschlossen alle Lande,

Und uns, uns frug man nicht; uns hört’ man nicht,

Man löschte unser Wort so wie ein schwelend Licht,

Umloht, durchglüht von roten Hasses Brande.

 

Man tat uns dieses an und frug uns nicht.

Als ob wir nichts damit zu schaffen hätten.

Als ob nicht wir des Lebens einziges Tor,

Nicht wir des heiligen Stromes ewige Betten!

 

Es können Männer nicht verstehn, nicht wissen,

Was töten heißt, was sterben sehen heißt;

Sie sind von einem Drang hinweggerissen

In Zeugung und in Totschlag, und es weist

Ihr ganzes Sein zur raschen, kühnen Tat;

Sie sehn das Leben so wie einen Dom

Der Fremde, wenn er dasteht, kühl vollendet,

Doch wir, wir sind es ja, die ihn gespendet,

Wir die Erbauer, die in unsrem Leib

Mit heiligem Schauer fugten Zell zu Zelle,

Bis er bereit stand, um die hohe Welle

Des Orgelklanges in sich aufzunehmen, …

Und heut sehn wir das Werk, das wir errichtet,

Zu viel Millionen Malen rauh vernichtet!

Wir Frauen, die wir allzu lang geschwiegen.

Doch heute war’s zuviel. Es sind in uns

Die Leiden höher als der Mund gestiegen,

Sie drängen machtvoll sich aus uns heraus,

Zum Wort geworden in die Welt zu fliegen!

Wir waren Ohr, nun werden wir zum Mund.

 

Wir waren Aug, nun werden wir zur Hand.

Wir wollen es mit Hand und Mund verhindern,

Daß solche Blutzeit unsern Kindeskindern

Noch einmal wird!

 

Wir wollen, wenn die blutige Zeit verbraust,

Von Land zu Land uns an den Händen fassen

Zu einer Kette Nimmer-wieder-lassen,

So fest, daß nie sie sprengt die Männerfaust.

 

Wir waren Aug, nun werden wir zur Hand!

 

(1916)

 

 

 

 

Oskar Kanehl

Märsche

 

Immer und immer wieder diese langen Chausseen
die wir marschieren.
Dieses Spießrutenlaufen zwischen militärischen Bäumen‚
und weißen Kilometersteinen.
Wir werden zermahlen.
Mit den Augen ist man am Rücken des Vordermanns aufgehakt
und läßt sich ziehen.
Keiner sagt was.
Nichts als das Klappern der verfluchten Kanonenräder.
Und das Knirschen des zerpreßten Steins.
Und das schlürfende Schlaksen der Kolonnen.
Die Kameraden schlafen im Gehen.
Zwei haben sich die Hände gegeben
und tragen sich mit geschlossenen Augen vorwärts.
Ich versuche mir etwas Schönes auszudenken.
Aber ich finde nichts.
Und übergebe mich dem Blödsinn der nerventötenden Geräusche.

 

(1922)

 

 

 

 

Karl Kraus

Der sterbende Soldat

 

Hauptmann, hol her das Standgericht!
Ich sterb’ für keinen Kaiser nicht!
Hauptmann, du bist des Kaisers Wicht!
Bin tot ich, salutier’ ich nicht!

 

Wenn ich bei meinem Herren wohn’,
ist unter mir des Kaisers Thron,
und hab’ für sein Geheiß nur Hohn!
Wo ist mein Dorf? Dort spielt mein Sohn.

 

Wenn ich in meinem Herrn entschlief,
kommt an mein letzter Feldpostbrief.
Es rief, es rief, es rief, es rief!
Oh, wie ist meine Liebe tief!

 

Hauptmann, du bist nicht bei Verstand,
daß du mich hast hieher gesandt.
Im Feuer ist mein Herz verbrannt.
Ich sterbe für kein Vaterland!

 

Ihr zwingt mich nicht, ihr zwingt mich nicht!
Seht, wie der Tod die Fessel bricht!
So stellt den Tod vors Standgericht!
Ich sterb’, doch für den Kaiser nicht.

 

(1918)

 

 

 

 

Heinrich Lersch

Im Artilleriefeuer II

 

Wir haben uns eingewühlt in der Erde Tiefen,
im Dunkel der Höhlen wähnen wir Schutz,
wie Kinder verbergen ihr Gesicht im Schoße der Mütter.
O, Mutter der Erde, daß deine Tiefen
nicht tief genug sind uns zu verbergen.
Wir wünschen, es täte ein Abgrund sich auf,
schaudernd tief,
wir ersehnen stürzende Urwälder über uns.
In allen unsern Herzenstiefen rast das heiße Verlangen:
Ströme und Meeresfluten müßten den heiligen Leib der Erde zerreißen
zwischen uns und – drüben.
Unser armes zerquältes Herz bettelt und bittet um Erdbeben und tiefe Nacht,
um so große Not, die allem Streit und Haß
zwischen den Menschen ein Ende macht.

 

(1916)

 

 

 

 

Alfons Petzold

Die Kinder im Krieg

Wir haben nicht Kleider noch Schuhe,
Wir laufen durch Hunger und Frost,
Ganz leer ist der Großmutter Truhe
Und Brot eine seltene Kost.

 

Der Vater steht oben in Polen,
Hebt er seine Flinte, dann krachts,
Die Mutter aber sucht Kohlen
Und faule Kartoffeln des Nachts.

 

Wir haben kein Öl in der Flasche,
Der Mond gibt uns manchmal ein Licht,
Warum brennt nicht im Ofen die Asche,
Warum hilfst du, Herr Jesu, uns nicht?

 

Wir hören im finsteren Zimmer
Auf der Gasse Soldatenschritt,
Da weint unsre Mutter wie immer
Und wir, wir weinen mit.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Alfons Petzold

Wiederkehr

 

Sie sind nicht tot, sie schlafen nur;
Sieht Meister Frühling auf die Uhr
Und sagt: ’s ist Zeit zum Auferstehn!
Dann werden wir sie allesamt

Von Sonnenliebe steil umflammt


Als Halme sprießen sehn.

Ein jedes Herz, das unten liegt,
Von einem scharfen Stahl besiegt
Wird eine Ähre körnerschwer.
Von keinem Feinde mehr bedroht,
Verwandelt sich in Frucht und Brot,


Der Scholle treue Wehr.

Und was im Walde fiel und starb,
Sterbend zur See um Frieden warb,
In Lehm verscharrt und Urweltsand,
Wird einst als Baum mit grüner Pracht,
Als Tau zu Ende einer Nacht
Grüßen das freie Land.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Christian Friedrich Daniel Schubart

Der Bettelsoldat

 

Mit jammervollem Blicke,
Von tausend Sorgen schwer,
Hink’ ich an meiner Krücke
In weiter Welt umher

 

Gott weiß, hab’ viel gelitten,
Ich hab’ so manchen Kampf
In mancher Schlacht gestritten,
Gehüllt in Pulverdampf.

 

Sah manchen Kameraden
An meiner Seite tot,
Und mußt’  im Blute waten,
Wenn es mein Herr gebot.

 

Mir drohten oft Geschütze
Den fürchterlichsten Tod,
Oft trank ich aus der Pfütze,
Oft aß ich schimmlicht Brot.

 

Ich stand in Sturm und Regen
In grauser Mitternacht,
Bei Blitz und Donnerschlägen,
Oft einsam auf der Wacht.

 

Und nun nach mancher Schonung,
Noch fern von meinem Grab,
Empfang’ ich die Belohnung –
Mit diesem Bettelstab.

 

Bedeckt mit dreizehn Wunden,
An meine Krück’ gelehnt,
Hab’ ich in manchen Stunden
Mich nach dem Tod gesehnt.

 

Ich bettle vor den Türen,
Ich armer lahmer Mann!
Doch ach! wen kann ich rühren?
Wer nimmt sich meiner an?

 

War einst ein braver Krieger,
Sang manch Soldatenlied
Im Reihen froher Sieger;
Nun bin ich Invalid.

 

Ihr Söhne, bei der Krücke,
An der mein Leib sich beugt,
Bei diesem Tränenblicke,
Der sich zum Grabe neigt;

 

Beschwör’ ich euch – ihr Söhne!
O flieht der Trommel Ton
Und Kriegstrommetentöne!
Sonst kriegt ihr meinen Lohn.

 

(1781)

 

 

 

 

August Stramm

Krieg

 

Wehe wühlt
Harren starrt entsetzt
Kreißen schüttert
Bären spannt die Glieder
Die Stunde blutet
Frage hebt das Auge
Die Zeit gebärt
Erschöpfung
Jüngt
Der
Tod.

 

(1915)

 

 

 

 

August Stramm

Sturmangriff

 

Aus allen Winkeln gellen Fürchte Wollen

Kreisch

Peitscht

Das Leben

Vor

Sich

Her

Den keuchen Tod

Die Himmel fetzen

Blinde schlächtert wildum das Entsetzen

 

(1915)

 

 

 

 

Carl Albert Hermann Teike

Alte Kameraden

 

Alte Kameraden auf dem Kriegespfad
In alter Freundschaft, felsenfest und treu.
Ob in Kampfe oder Pulverdampf,
Stets zusammen halten sie aufs neu’.

 

Zur Attacke geht es Schlag auf Schlag,
Ruhm und Ehr’ muß bringen uns der Sieg,
Los, Kameraden, frisch wird geladen,
Das ist unsere Marschmusik.

 

Nach dem Kampfe geht das ganze Regiment
Ins Quartier ins nächste Dorfhaus­element
Und beim Wirte das Geflirte
Mit den Mädels und des Wirtes Töchterlein.

 

Lachen, scherzen, lachen, scherzen, heute ist ja heut’
Morgen ist das ganze Regiment wer weiß wie weit.
Das, Kameraden, ist des Kriegers bitt’res Los,
Darum nehmt das Glas zur Hand und wir sagen »Prost«.

 

Alter Wein gibt Mut und Kraft,
In dem steckt der wahre Lebenssaft.
Und das alte Herz bleibt jung
Und gewaltig die Erinnerung.

 

Ob in Freude, ob in Not,
Bleiben wir getreu bis in den Tod.
Trinket aus und schenket ein
Und laßt uns alte Kameraden sein.

 

Alte Kameraden auf dem Marsch durchs Land
Schließen Freundschaft, felsenfest und treu.
Ob in Not oder in Gefahr, stets zusammen
Halten sie aufs neu’.

Zur Attacke geht es Schlag und Schlag,
Ruhm und Ehr’ soll bringen uns der Sieg.
Los, Kameraden, frisch wird geladen,
Das ist unsre Marschmusik.


Alter Wein gibt Mut und Kraft;
Denn es schmeckt des Weines Lebenssaft.
Sind wir alt, das Herz bleibt jung
Und gewaltig die Erinnerung.

Ob in Freude, ob in Not,
Bleiben wir getreu bis in den Tod.
Trinket aus und schenket ein
Und laßt uns alte Kameraden sein.

Sind wir alt, das Herz bleibt jung,
Schwelgen in Erinnerung.
Trinket aus, schenket ein
Und laßt uns Kameraden sein.

 

(um 1889)

 

 

 

 

Ernst Toller

Den Müttern

 

Mütter,

Eure Hoffnung, Eure frohe Bürde

Liegt in aufgewühlter Erde,

Röchelt zwischen Drahtverhauen,

Irret blind durch gelbes Korn.

Die auf den Feldern jubelnd stürmten,

Torkeln eingekerkert, wahnsinnschwärend,

Blinde Tiere durch die Welt.

Mütter!

Eure Söhne taten das einander.

 

Grabt Euch tiefer in den Schmerz,

Laßt ihn zerren, ätzen, wühlen,

Recket gramverkrampfte Arme,

Seid Vulkane, glutend Meer:

Schmerz gebäre Tat!

 

Euer Leid, Millionen Mütter,

Dien als Saat durchpflügter Erde,

Lasse keimen

Menschlichkeit.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Georg Trakl

Grodek

 

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder

Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen

Und blauen Seen, darüber die Sonne

Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht

Sterbende Krieger, die wilde Klage

Ihrer zerbrochenen Münder.

Doch stille sammelt im Weidengrund

Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt

Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;

Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.

Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen

Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,

Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;

Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.

O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre

Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,

Die ungebornen Enkel.

 

(1915)

 

 

 

 

Kurt Tucholsky

Der Graben

 

Mutter, wozu hast du deinen aufgezogen?

Hast dich zwanzig Jahr mit ihm gequält?

Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,

und du hast ihm leise was erzählt?

Bis sie ihn dir weggenommen haben.

Für den Graben, Mutter, für den Graben.

 

Junge, kannst du noch an Vater denken?

Vater nahm dich oft auf seinen Arm.

Und er wollt dir einen Groschen schenken,

und er spielte mit dir Räuber und Gendarm.

Bis sie ihn dir weggenommen haben.

Für den Graben, Junge, für den Graben.

 

Drüben die französischen Genossen

Lagen dicht bei Englands Arbeitsmann.

Alle haben sie ihr Blut vergossen,

und zerschossen ruht heut Mann bei Mann.

Alte Leute, Männer, mancher Knabe

in dem einen großen Massengrabe.

 

Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!

Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!

In die Gräben schickten euch die Junker,

Staatswahn und der Fabrikantenneid.

Ihr wart gut genug zum Fraß für Raben,

für das Grab, Kamraden, für den Graben!

 

Werft die Fahnen fort! Die Militärkapellen

Spielen auf zu eurem Todestanz.

Seid ihr hin: ein Kranz von Immortellen –

das ist dann der Dank des Vaterlands.

Denkt an Todesröcheln und Gestöhne.

Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,

schuften schwer, wie ihr, ums bißchen Leben.

Wollt ihr denen nicht die Hände geben?

Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben

Übern Graben, Leute, übern Graben –!

 

(1926)

 

 

 

 

Ludwig Winder
Die Kriegsweihnachtslegende


Als Weihnacht nahte, sprach zu Gott dem Herrn
Der Weihnachtsengel tief gesenkten Hauptes:
»Die Erde leuchtet wie ein böser Stern,
Die Menschen sind einander fern,
Sprech’ ich Dein Wort von Liebe heut – wer glaubt es?«

Da nahm der Herr den Engel bei der Hand
Und schwebte mit ihm still zur Erde nieder.
Und wo sie schritten, donnerte das Land,
Und wo sie hinsahn war’s rings Mord und Brand,
Schrapnells, Kanonen sangen Weihnachtslieder.

Der Engel weinte. Doch der Herr befahl
Dem Weinenden, zu schweigen und zu lauschen:
Was sang da unten so voll List und Qual
Im Schützengraben? Schwang sich ein Choral
Zu Gott empor? Es klang wie Orgelrauschen:

»Herr Gott, wir loben Dich!« Ganz Deutschland sang,
Gewehre, Mörser und Kanonen.
O wie das sang, o wie das klang,
O wie das jauchzend in die Höhe drang,
Das Weihnachtslied der feuernden Schwadronen!

Da ließ der Engel rasch die Hand des Herrn
Und sah das Land in plötzlichem Verstehen
Und schwebte lächelnd unterm Weihnachtsstern
Zu Deutschlands Frau’n und Kindern nah und fern
Und blieb vor jedem Hause segnend stehen.

 

(1914)

 

 

 

 

 

 

 

 

 
     

 

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