Catharina Regina von Greiffenberg

Auf meinen bestürmeten Lebenslauf

 

Wie sehr der Wirbelstrom so vieler Angst und plagen

mich drehet um und um, so bist du doch mein Hort,

mein Mittelpunkt, in dem mein Zirkel fort und fort,

mein Geist halb haften bleibt, vom Sturm unausgeschlagen.

 

Mein Zünglein stehet stet, von Wellen fort getragen,

auf meinen Stern gericht. Mein Herz und Aug’ ist dort,

es wartet schon auf mich am ruhevollen Port:

Dieweil muß ich mich keck in Weh und See hinwagen.

 

Oft will der Mut, der Mast, zu tausend Trümmern springen

Bald tun die Ruderknecht, die Sinnen, keinen Zug.

Bald kann ich keinen Wind in Glaubensegel bringen.

 

Jetzt hab ich, meine Uhr zu richten, keinen Fug.

Dann wollen mich die Wind auf andre Zufahrt dringen.

Bring an den Hafen mich, mein Gott, es ist genug!

 

(1662)

 

 

 

 

Andreas Gryphius

Abend

 

Der schnelle Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahn

Und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen

Verlassen Feld und Werk; wo Tier’ und Vögel waren,

Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!

 

Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glieder Kahn.

Gleich wie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren

Ich, du, und was man hat und was man sieht, hinfahren.

Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn.

 

Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten,

Laß mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten!

Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir!

 

Laß, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen,

Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen,

So reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu dir.

 

(1650)

 

 

 

 

Andreas Gryphius

An die Welt

 

Mein oft bestürmtes Schiff der grimmen Winde Spiel,

Der frechen Wellen Ball, das schier die Flut getrennet,

Das über Klipp’ auf Klipp’ und Schaum und Sand gerennet,

Kommt vor der Zeit an’ Port, den meine Seele will.

 

Oft, wenn uns schwarze Nacht im Mittag überfiel,

Hat der geschwinde Blitz die Segel schier verbrennet!

Wie oft hab’ ich den Wind und Nord und Süd verkennet!

Wie schadhaft ist der Mast, Steu’rruder, Schwert und Kiel.

 

Steig aus, du müder Geist! Steig aus! Wir sind am Lande!

Was graust dir für dem Port? Jetzt wirst du aller Bande

Und Angst und herber Pein und schwerer Schmerzen los.

 

Ade, verfluchte Welt: Du See voll rauer Stürme:

Glück zu, mein Vaterland, das stete Ruh’ im Schirme,

Und Schutz und Frieden hält, du ewigliches Schloß!

 

(o.J.)

 

 

 

 

Andreas Gryphius

Einsamkeit

 

In dieser Einsamkeit der mehr denn öden Wüsten,

Gestreckt auf wildes Kraut, an die bemooste See,

Beschau ich jenes Tal und dieser Felsen Höh,

Auf welchen Eulen nur und stille Vögel nisten.

 

Hier, fern von dem Palast, weit von des Pöbels Lüsten,

Betracht ich, wie der Mensch in Eitelkeit vergeh,

Wie auf nicht festem Grund all unser Hoffen steh,

Wie die vor Abend schmähn, die vor dem Tag uns grüßten.

 

Die Höhl, der raue Wald, der Totenkopf, der Stein,

Den auch die Zeit auffrißt, die abgezehrten Bein

Entwerfen in dem Mut unzählige Gedanken.

 

Der Mauren alter Graus, dies ungebaute Land

Ist schön und fruchtbar mir, der eigentlich erkannt,

Daß alles, ohn ein Geist, den Gott selbst hält, muß wanken.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Andreas Gryphius

Es ist alles eitel

 

Du siehtst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden,

Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;

Wo itzund Städte stehen, wird morgen eine Wiesen sein,

Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

 

Was itzund prächtig blüht, soll bald zutreten werden.,

Was itzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein;

Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.

Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

 

Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.

Soll den das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn?

Ach, was ist alles dies, was wir vor köstlich achten,

 

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind,

Als eine Wiesenblum, die man nicht wiederfind’t!

Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten!

 

(1643)

 

 

 

 

Andreas Gryphius

Menschliches Elende

 

Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,

Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,

Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid,

Ein bald zerschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.

 

Dies Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen.

Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid

Und in das Totenbuch der großen Sterblichkeit

Längst eingeschrieben sind, sind uns aus Sinn und Herzen.

 

Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt

Und wie ein Strom verscheußt, den keine Macht aufhält,

So muß auch unser Nam, Lob, Ehr und Ruhm verschwinden.

 

Was itzund Atem holt, muß mit der Luft entfliehn,

Was nach uns kommen wird, wird uns ins Grab nachziehn.

Was sag ich? Wir vergehen wie Rauch von starken Winden.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Andreas Gryphius

Tränen des Vaterlandes

 

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!

Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun,

Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Kartaun

Hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret.

 

Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret.

Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun.

Die Jungfraun sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun,

Ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret.

 

Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.

Dreimal sind schon sechs Jahr als unser Ströme Flut.

Von Leichen fast verstopft, sich langsam fortgedrungen.

 

Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,

Was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot,

Daß auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen.

 

(1636)

 

 

 

 

Andreas Gryphius

Tränen in schwerer Krankheit

 

Mir ist, ich weiß nicht wie; ich seufze für und für.

Ich weine Tag und Nacht, ich sitz in tausend Schmerzen

Und tausend fürcht ich noch; die Kraft in meinem Herzen

Verschwind’t, der Geist verschmacht’, die Hände sinken mir.

 

Die Wangen werden bleich, der munteren Augen Zier

Vergeht gleich als der Schein der schon verbrannten Kerzen.

Die Seele wird bestürmt gleich wie die See im Märzen.

Was ist dies Leben doch, was sind wir, ich und ihr?

 

Was bilden wir uns ein? Was wünschen wir zu haben?

Itzt sind wir hoch und groß und morgen schon vergraben;

Itzt Blumen, morgen Kot; wir sind ein Wind, ein Schaum,

 

Ein Nebel und ein Bach, ein Reif, ein Tau, ein Schatten;

Itzt was und morgen nichts, und was sind unsre Taten

Als ein mit herber Angst durchaus vermischter Traum.

 

(1640)

 

 

 

 

Georg Philipp Harsdörffer

Abendlied

 

Der Tag ist nun vergangen

Mit seiner Sorgenlast,

Die Nacht hat angefangen

Und aller Arbeit Rast.

Das Licht hat abgenommen

Mit unsrer Lebenszeit;

Wir sind nun näher kommen

Der grauen Ewigkeit.

 

Wie wir zu Bette liegen,

So liegen wir im Grab:

Wie soll uns denn vergnügen

Der Welt verlornes Hab?

Indem wir schlaffen gehen,

Wird uns der Tod gemein:

Kein Mensch kann lang bestehen

Es muß gestorben sein.

 

Wie wir die Kleider lassen,

Bevor wir schlaffen ein,

O bleibt uns gleichermaßen

Nichts als der Leichenstein.

Ein Leilach mich bedecket

Hier und im Totengrab,

Bis mich die Sonn erwecket

Und Christi Richterstab.

 

Weh denen, welche sterben

Ohn allen Vorbedacht:

Sie können leicht verderben

Dort in der Höllennacht.

Ich muß, ich muß bekennen,

Daß ich unrecht getan,

Ich muß mich lässig nennen

Auf schmaler Tugendbahn.

 

Ich will mich Gott befehlen,

Der mich erlöset hat,

Und mich um nichts nicht quälen:

Er gibt mir seine Gnad.

Das Gute zu vollbringen

Ist mein Fleisch viel zu schwach;

Ich will mich besser zwingen,

Wenn ich leb’ und erwach.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

An Albanie

 

Albanie, gebrauche deiner Zeit
Und laß den Liebeslüsten freien Zügel,
Wenn uns der Schnee der Jahre hat beschneit,
So schmeckt kein Kuß, der Liebe wahres Siegel,
Im grünen Mai grünt nur der bunte Klee.

Albanie.

 

Albanie, der schönen Augen Licht,

Der Leib und was auf den beliebten Wangen,

Ist nicht für dich, für uns nur zugericht.

Die Äpfel, die auf deinen Brüsten prangen,

Sind unsre Lust und süße Anmutssee.

Albanie.

 

Albanie, was quälen wir uns viel
Und züchtigen die Nieren und die Lenden?
Nur frisch gewagt das angenehme Spiel!
Jedwedes Glied ist ja gemacht zum Wenden,
Und wendet doch die Sonn sich in der Höh.
Albanie.

 

Albanie, soll denn dein warmer Schoß
So öd und wüst und unbebauet liegen?
Im Paradies, da ging man nackt und bloß
Und durfte frei die Liebesäcker pflügen.
Welch Menschensatz macht uns dies neue Weh?
Albanie.

 

Albanie, wer kann die Süßigkeit
Der zwei vermischten Geister recht entdecken?
Wenn Lieb und Lust ein Essen uns bereit,
Das wiederholt am besten pflegt zu schmecken,
Wünscht nicht dein Herz, daß es dabei vergeh?
Albanie.

 

Albanie, weil noch der Wollusttau
Die Glieder netzt, und das Geblüte springet,
So laß doch zu, daß auf der Venusau

Ein brünstger Geist dir knieend Opfer bringet,
Daß er vor dir in voller Andacht steh!
Albanie.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Beschreibung vollkommener Schönheit

 

Ein Haar, so kühnlich Trotz der Berenice spricht,

Ein Mund, der Rosen führt und Perlen in sich heget,

Ein Zünglein, so ein Gift für tausend Herzen träget,

Zwo Brüste wo Rubin durch Alabaster bricht;

 

Ein Hals, der Schwanenschnee weit, weit zurücke sticht

Zwei Wangen, wo die Pracht der Flora sich beweget,

Ein Blick, der Blitze führt und Männer niederleget,

Zwei Armen, deren Kraft oft Leuen hingericht;

 

Ein Herz, aus welchem nichts als mein Verderben quillet,

Ein Wort, so himmlisch ist und mich verdammen kann,

Zwei Hände, deren Grimm mich in den Bann getan

 

Und durch ein süßes Gift die Seele selbst umhüllet;

Ein Zierrat, wie es scheint, im Paradies gemacht,

Hat mich um meinen Witz und meine Freiheit bracht.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Die Welt

 

Was ist die Welt und ihr berühmtes Glänzen?
Was ist die Welt und ihre ganze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurzgefaßten Grenzen,
Ein schneller Blitz bei schwarzgewölkter Nacht.
Ein buntes Feld, da Kummerdisteln grünen:
Ein schön Spital, so voller Krankheit steckt.
Ein Sklavenhaus, da alle Menschen dienen,
Ein faules Grab, so Alabaster deckt.
Das ist der Grund, darauf wir Menschen bauen,
Und was das Fleisch für einen Abgott hält.
Komm Seele, komm, und lerne weiter schauen,
Als sich erstreckt der Zirkel dieser Welt.
Streich ab von dir derselben kurzes Prangen,
Halt ihre Lust vor eine schwere Last.
So wirst du leicht in diesen Port gelangen,
Da Ewigkeit und Schönheit sich umfaßt.

 

(1679)

 

 

 

 

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Der Tod

 

Was ist der Tod der Frommen?

Ein Schlüssel zu dem Leben,

Ein Grenzstein böser Zeit,

Ein Schlafftrunk alter Reben,

Ein Fried auf Krieg und Streit,

Ein Führer zu der Sonne,

Ein Steg ins Vaterland,

Ein Aufgang aller Wonne,

Ein Trieb von großer Hand,

Ein Zunder zu dem Lichte,

Ein Flug in jene Welt,

Ein Paradiesgerichte,

Ein Schlag, der alles fällt.

Ein Abtritt aller Plagen,

Ein Baum vor alle Not,

Was soll ich ferner sagen?

Dies alles ist der Tod.

 

(o.J.)

 

 

 

 

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Vergänglichkeit der Schönheit

 

Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand

Dir endlich mit der Zeit um deine Brüste streichen,

Der liebliche Korall der Lippen wird verbleichen,

Der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand;

 

Der Augen süßer Blitz, die Kräfte deiner Hand,

Für welchen solches fällt, die werden zeitlich weichen.

Das Haar, das itzund kann des Goldes Glanz erreichen,

Tilgt endlich Tag und Jahr als ein gemeines Band.

 

Der wohlgesetzte Fuß, die lieblichen Gebärden,

Die werden teils zu Staub, teils nichts und nichtig werden;

Dann opfert keiner mehr der Gottheit deiner Pracht.

 

Dies und noch mehr als dies muß endlich untergehen.

Dein Herze kann allein zu aller Zeit bestehen,

Dieweil es die Natur aus Diamant gemacht.

 

(1695)

 

 

 

 

Martin Opitz

Carpe diem

 

Ich empfinde fast ein Grauen,
daß ich, Plato, für und für
bin gesessen über dir.
Es ist Zeit hinauszuschauen
und sich bei den frischen Quellen
in dem Grünen zu ergehn.
wo die schönen Blumen stehn
und die Fischer Netze stellen!

Wozu dienet das Studieren
als zu lauter Ungemach!
Unterdessen läuft die Bach
unsers Lebens, das wir führen,
ehe wir es inne werden,
auf ihr letztes Ende hin:
dann kömmt ohne Geist und Sinn
dieses alles in die Erden.

Holla, Junger, geh und frage,
wo der beste Trunk mag sein,
nimm den Krug und fülle Wein!
Alles Trauren, Leid und Klage,
wie wir Menschen täglich haben,
eh uns Clotho fortgerafft,
will ich in den süßen Saft,
den die Traube gibt, vergraben.

Kaufe gleichfalls auch Melonen
und vergiß des Zuckers nicht,
schaue nur, daß nichts gebricht!
Jener mag der Heller schonen,
der bei seinem Gold und Schätzen
tolle sich zu kränken pflegt
und nicht satt zu Bette legt;
ich will, weil ich kann, mich letzen!

 

Bitte meine guten Brüder
auf die Musik und ein Glas!
Kein Ding schickt sich, dünkt mich, baß
als gut Trank und gute Lieder.
Laß ich gleich nicht viel zu erben,
ei, so hab ich edlen Wein!
Will mit andern lustig sein,
muß ich gleich alleine sterben.

 

(1624)

 
     

 

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